Alte Liebe

Alte Liebe - Max Küng

Hugentobler und Roggenmoser sassen in der Onyx-Bar und tranken Bier. Roggenmoser grübelte über Hugentoblers Frage. Er hatte gefragt, was das Letzte gewesen sei, das er gelernt habe über das Leben. Was für eine Frage! Roggenmoser fiel nichts ein, also sagte er: „Mir fällt nichts ein. Sag du!“ Hugentobler lächelte: „Ich habe gelernt, dass Faulheit gut für die Gesundheit ist.“

„Was heisst denn das?“ Roggenmoser prustete verächtlich. „Du kennst doch Meier-Moser, oder?“ „Ja klar. Der war früher so dick und heute sieht er so dünn aus. Ist er krank? Hat er was Schlimmes?“ Hugentobler schüttelte den Kopf. „Nein, der ist nicht krank, im Gegenteil, aber hör zu: Früher hatte Meier-Moser sein Büro in der Nähe eines Hamburgerlokals. Er liebte diesen Laden. Also ging er über Mittag immer dort essen. Burger, fette Sossen, Pommes, Cola, gerne auch mal einen kräftigen Klecks Mayo. Jeden Tag stopfte er den fettigen Frass in sich rein. Dann zog seine Firma weg, in einen anderen Teil der Stadt. Meier-Moser war darüber etwas traurig, denn er liebte seinen Burger-Laden. Anfangs ging er über Mittag noch hin, fuhr mit Tram und Bus quer durch die Stadt, aber die Verbindungen waren kompliziert, ausserdem musste er ein paar Schritte zu Fuss gehen. Und Meier-Moser ging nie zu Fuss! Er war schlichtweg zu faul, um ungesund essen zu gehen. Nun, in der Nähe des neuen Büros gibt es zufälligerweise ein Fastfood-Lokal für Supergesundes, du weisst schon: Suppen, Salate, Sprossen.“ Roggenmoser verzog das Gesicht, als habe er einen Leberhaken kassiert. Hugentobler fuhr fort: „Also ging er aus reiner Faulheit in den gesunden Laden. Irgendwann schmeckte es ihm dann sogar – und er fand Freude an der neuen Ernährung. Du weisst ja: Ernährung ist die halbe Miete.“ „Kann man das so sagen?“ „Egal, auf jeden Fall verlor er Kilo um Kilo und wurde gesünder und gesünder.“ Roggenmoser kratzte sich am Hinterkopf, blickte hinab auf seinen Bauch, der unter dem Hemd sich versteckte, nicht übermässig gross, aber auch nicht gerade klein. „Oje, und ich dachte schon, er habe was Schlimmes.“ „Aber hör zu“, sagte Hugentobler, während er beim Kellner zwei Finger zeigend nochmals Bier bestellte, „er hat sich nun auch ein Fahrrad gekauft.“ „Ein Fahrrad? Spinnt er total?“ „Ein Elektrofahrrad. Und er hat herausgefunden, dass er mit dem Elektrofahrrad im Nu von seinem Büro beim Burger-Laden ist.“ „Und jetzt fährt er wieder hin?“ „Ja. Es geht eben nichts über eine alte Liebe.“ „Hm“, machte Roggenmoser nachdenklich, nahm einen kräftigen Schluck des frisch servierten Biers. „Alte Liebe rostet nicht. Vor allem, wenn Fleisch zwischen den Brötchen ist.“

 

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