Auch Abends, besonders Abends

Auch Abends - Doris Knecht

Kurz nach 23 Uhr, das Smartphone düdelt, und, Überraschung, es ist nicht Gruber, es ist Sarah, seine Frau.
Sarah hat jetzt einen Plattenladen. Irgendwann reichte es ihr, den ganzen Tag von kleinen und grossen Grubern angebrabbelt zu werden, sie wollte wieder raus, Geld verdienen. Aber die Nachtarbeit als DJ, das ging nicht mehr. Aber ausgerechnet ein Platten-Laden?, hatte Gruber eingewendet, und ob ihr klar sei, dass in der Zwischenzeit die Menschen sich ihre Musik gratis aus dem Netz aufs Handy laden, und ob sie nicht lieber was mit Mode verkaufen wolle? Oder Kinderbekleidung?
Aber Sarah interessiert sich nicht für Kinderbekleidung. Sarah liebt Musik, und Vinyl ist ja nun gerade wieder angesagt. Musste auch Gruber zugeben, er hatte sein Büro eben erst mit einem riesigen Plattenregal ausgestattet, so, wie er es in der Serie „Suits“ gesehen hatte. Sarah fand ein Lokal in der Seitengasse einer grossen Einkaufsstrasse, Souterrain, mit grossen Fenstern zur Strasse hin, weiss gekalkte Ziegelwände. Und da, im „VINYYYL“ steht sie nun, fast jeden Tag, wenn die Kinder in der Kita sind, mit zwei Teilzeit-Mitarbeiterinnen mit überschaubaren finanziellen Ansprüchen. Und der Laden läuft, weil Sarah jeden DJ der Stadt kennt und weiss, wie die ticken, und weil jetzt auch Leute, die keine DJs sind, Platten kaufen; zum Beispiel Gruber, der sein schickes Regal füllen muss. Und am späten Nachmittag, wenn Sarah nach einem Tag voller Musik heimkommt, ist eine brabbelnde Familie gerade richtig.
Bloss, dass es halt nicht immer läuft, wie Sarah es sich vorstellt. Ständig läutet Sarahs Telefon, auch abends, besonders abends, weil sie ihr Vinyl natürlich auch in anderen Zeitzonen bestellt. Ihr ganzes Zeitsystem sei durcheinander, klagte sie kürzlich.
Man merkts.
„Hallo Sarah.”
„Du, so sorry, dass ich jetzt noch anrufe“, sagt Sarah, „aber ich bin verzweifelt. Hast du vielleicht morgen drei Stunden Zeit, im Laden zu stehen?“ Weil: Der kleine Gruber hat einen Kinderarzt-Termin, der grosse ist auf Dienstreise, eine Mitarbeiterin hat Prüfungen, und gerade hat sich die andere Mitarbeiterin per SMS krankgemeldet: Virus. Überhaupt, es sei der Wahnsinn: Letzte Woche hat Sarah einen ganzen Abend am Telefon und am iKalender verbracht, um alles so einzuteilen, dass die Ferienwünsche der Mitarbeiterinnen mit den Möglichkeiten der Grubers harmonierten, alles war perfekt, bis heute früh, da wollte die eine ihren Urlaub wieder verschieben.
„Und?“
„Ging einfach nicht“, sagt Sarah.
„Und jetzt ist sie krank“.
„Ja, jetzt ist sie krank. Also, kannst du?“ Ich kann.

 

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