Ben

38er Bus, Samstag, 08.10
„Sie sind aber früh unterwegs.“ Der Chauffeur nickt Ben zu. „Velo kaputt?“ Ben schaut an sich herunter, stimmt, er hat gewohnheitsmässig die Veloklammer ans linke Hosenbein gesteckt.

„Ich muss zur Redaktion.“ Ben gönnt sich das Job-Upgrade, es hört ihn ja keiner. Und schliesslich hat er Journalismus studiert. Aber in den Printmedien ist kein Geld mehr zu machen. Darum arbeitet er, wie die meisten seiner Studienkollegen, in der Presseabteilung einer grossen Firma. Seine Recherchen betreibt er mehrheitlich im Synonymduden. Auf wie viele Arten kann er die internen Communiqués umformulieren?

„Ah… Verstehe. Am Samstag ist niemand da.“

Und niemand im Bus, denkt Ben. Ein paar Stunden ungestört arbeiten zu können, ist das zu viel verlangt? Er zieht sein Tablet aus der Tasche, öffnet seine Mails. Das erste von seinem Chef: Er hat Bens Mitarbeiter-News von dieser Woche komplett umformuliert. „Ich habe zwar nicht studiert, aber…“, so beginnt jeder von Nicks Vorschlägen. Mach’s doch gleich selber, denkt Ben.

„Woran arbeiten Sie denn gerade?“

Ben schaut auf. An einem Pressetext, der die Restrukturierung von vier Abteilungen wie eine gute Idee aussehen lässt, denkt er. Aber das sagt er nicht, sondern: „Innenpolitik. Interna, Sie verstehen?“

„Don’t worry, be happy!“ düdelt es plötzlich aus Bens Jackentasche. Der Klingelton, den er seinem Vorgesetzten zugeordnet hat. Die lüpfige Melodie sollte ihn aufmuntern.

„Nick, was läuft?“

„Ich bin grad beim Joggen“, keucht Nick. „Steh vor deinem Haus, aber du bist nicht da?“ Ben schluckt die brennende Säure herunter, die in ihm aufsteigt. Er sei etwas jung für ein Magengeschwür, hat der Arzt gesagt. „Ich hab noch ein paar Ideen. Kannst du in einer halben Stunde im Büro sein?“ Nick hat immer ein paar Ideen. Vorzugsweise am Wochenende. Oder nach Feierabend. Und seine Joggingroute führt direkt an Bens Haus vorbei.

„Klar.“ Ben schaut aus dem Fenster. Die nächste Haltestelle ist seine. Er steht auf.

„Machen Sie auch Ghostwriting?“, fragt der Buschauffeur. „Ich hätte ein ganzes Buch zu erzählen. Sie glauben nicht, was ich hier jeden Tag mitbekomme. Die 38er-Linie führt direkt in die Innenstadt, und wissen Sie, ich kenn diese Welt. Ich war selber im Finanzwesen, aber nach meinem Burn-out hab ich umgeschult – vom Börsenhai zum Buschauffeur – guter Titel, nicht?“

„Wissen Sie was? Sie haben Recht.“ Ben setzt sich wieder hin und aktiviert die Aufnahmefunktion auf seinem Handy. „Dann erzählen Sie mal!“

 

 

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