Chef sein

Zwei Anzugmänner, Philipp und Stefan, mit gelockerter Krawatte in einer Bar, sie wirken schon etwas angetrunken.

Stefan: Und zack, hab ich zweihundert Leute unter mir.
Philipp: Krass. Ich find schon meine 35 mehr als genug. Wenn ich mal ganz ehrlich bin.
Stefan: Zweihundert! Wahnsinn. (Pause) Ich finds irgendwie absurd. Diese Verantwortung.
Philipp: Es denken alle immer, es sei so geil, Chef zu sein. Dabei… Ich weiss auch nicht. Manchmal machts mich echt fertig. Irgendwie warten alle nur darauf, dass du einen Fehler machst.
Stefan: Voll! Ich meine, auch jetzt mit der Beförderung. Ich muss ja wieder auf 100% erhöhen, logischerweise. Weil niemand einen Chef ernst nimmt, der nicht Vollzeit arbeitet. War ja genau das Problem von meinem Vorgänger. Jedenfalls hör ich heute, wie die Simone in der Kaffeeküche zur Katja sagt: „Ja, der Stefan, macht immer einen auf aufgeschlossen und progressiv und engagierter Vater und so, aber kaum bietet sich die Möglichkeit, aufzusteigen, ist alles wieder auf 1960.“
Philipp: Man kann es einfach niemandem recht machen. Weisst du, was mich am meisten beunruhigt? Dass es Leute in meinem Team gibt, die, also, so rein von der Materie her, die, also, die eigentlich qualifizierter sind als ich. Die eine, Eliane, vom Treasury, zum Beispiel, da kann ich echt einpacken. Muss ich wirklich zugeben. Aber blöderweise weiss sie das auch und lässt sich keine Chance entgehen, mich blosszustellen.
Stefan: Wie, so vor den anderen?
Philipp: Voll. Keine Ahnung, was ich mit der machen soll. Ich glaub, sie spekuliert auf meinen Posten.
Stefan: Feuern.
Philipp: (lacht) Aber sie hat jetzt endlich einen Freund, mit dem es ernst ist. Der wohnt in London. Vielleicht zieht sie ja weg.
Stefan: Das kann man ja ein bisschen befördern. Habt ihr nicht eine Tochtergesellschaft in London?
Philipp: Ha! Du Fuchs. Da sieht man mal, warum du 200 Leute unter dir hast und ich nur 35.

 

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