Die dargebotene Stirn

Die dargebotene Stirn

Hugentobler sass in der Onyx-Bar, ein grosses Pflaster zierte seine Stirn, die von Roggenmoser legte sich in Falten, als er hereinkam und Hugentobler sah, wie er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. „Frag nicht“, sagte dieser und winkte ab. Roggenmoser setzte sich. „Lass mich raten: Deine Frau hat dich geschlagen, mit der Bratpfanne, weil du zu spät nach Hause gekommen bist?“ Hugentobler schüttelte den Kopf. „Okay, dann tippe ich auf Squash? Aber du spielst doch überhaupt nicht Squash, oder?“ Erneutes Kopfschütteln, dem ein Nicken folgte, und: „Nein, also: Ja. Also: Nein, ich spiele kein Squash.“ „Du bist im Büro eingeschlafen und mit dem Kopf auf die Tischkante geknallt?“ Hugentobler seufzte, holte tief Luft und sagte schliesslich: „Eine Halteverbotstafel.“ „Eine Halteverbotstafel?“ „Ja, ich ging die Strasse entlang und hörte, dass ich eine neue Mail bekommen habe. Also checke ich diese Mail, sie war dringend, ich will also gleich zurückschreiben, tippe munter drauflos, während ich marschiere, aber dann stand dort eben diese blöde Stange mit der Halteverbotstafel. Ich ging gleich zu Boden.“ „Ui!“ Roggenmoser machte ein mitfühlend schmerzverzerrtes Gesicht. „Das Blut schoss nur so aus meinem Kopf. Voll übel, so eine Platzwunde. Musste mit neun Stichen genäht werden.“ „Echt? Wird noch genäht, wird heute nicht alles getackert?“ „Genäht, getackert, egal, auf jeden Fall musste ich blutüberströmt zum Notfall, alle dachten, ich sei ein Schläger oder ein Drogensüchtiger oder beides zugleich, Kinder fingen an zu weinen, als sie mich sahen, Grossmütter blickten mich vorwurfsvoll an und hoben drohend ihre Gehstöcke. Dabei stand dort bloss die blöde Halteverbotstafel im Weg, während ich eine Mail schrieb.“ Roggenmoser sagte nichts, aber in seinem Blick lag so etwas wie echtes Mitgefühl. „Ganz schön hart, so eine Halteverbotstafel“, jammerte Hugentobler, und Roggenmoser erwiderte: „Ja, unerbittlich wie Clint Eastwood.“ Roggenmoser blickte noch einen Moment nachdenklich drein, dann lächelte er und sagte: „Aber mir kann das nicht passieren!“ Triumphierend zückte er sein Smartphone. „Schau mal: heisst die App. Das Prinzip ist ganz einfach: Die Kamera des Smarthphones zeigt auf dem Bildschirm, was vor dir liegt, während du gehst und schreibst. Du tippst die Nachricht direkt auf das Livebild. Genial, oder? Das senkt das Unfallrisiko um so circa tausend Prozent. Du musst halt einfach das Telefon auf Augenhöhe halten beim Schreiben, mehr oder weniger. Damit du siehst, was auf dich zukommt.“ „Das sieht sicherlich total behämmert aus, wenn man so rumspaziert.“ „Ja, aber nicht so behämmert wie ein Pflaster auf der Stirn. Und vor allem: Es tut weniger weh.“ „Ich denke, ein Bier wäre nun angebracht. Ich bestell mal zwei.“ „Schau“, sagte Roggenmoser und glitt vom Barhocker, „ich schreib dir jetzt eine Nachricht.“ Das Handy erhoben ging er stacksend durch die Bar Richtung der Toiletten. Noch bevor Hugentobler eine Nachricht auf seinem Handy eingehen hörte, vernahm er das nicht zu ferne Krachen eines Tabletts, das Splittern von Glas und einen kurzen Schrei. Irgendwie kam ihm die Stimme vertraut vor.

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