Elektronikfreie Zone

Elektronikfreie Zone - Doris Knecht

Telefon. Es ist Gruber, und er stört mich beim Fernsehen, ich hätte seinen Anruf nicht annehmen sollen. Nicht hinüber zum Smartphone linsen, wer es denn ist. Weil es neben dem Bett lag, wo es nicht liegen sollte. Es hätte auf der extra dafür angeschafften Aufladestation in der Wohnküche liegen sollen: einem herzigen Balkon, der aus dem Pfahl einer Stehlampe ragt, die nicht nur Licht macht, sondern auch das auf dem Balkönli abgelegte Smartphone auflädt, einfach so, ohne Kabel. Wunder der Technik! Diese Anschaffung, zusammen mit einem mechanischen, brüllend laut tickenden Wecker folgte einem grundvernünftigen Plan: das Schlafzimmer elektronikfrei zu bekommen, Gerät für Gerät. Ein extremes Unterfangen für eine, die fast täglich vor dem TV einschläft, mit dem Laptop am Bauch, bis der Smartphone-Wecker düdelt. Erster Schritt: Handy raus, zweiter …
„Du hörst mir gar nicht zu.“ Ach ja: Gruber.
„Wasss??“
„Wie ich sagte: Du hörst mir nicht zu.“
„Unsinn, ich hör dir total zu.“
„Was habe ich gesagt?“
„Du willst in die Berge, Gruber. Mit deinen Mitarbeitern. Am Wochenende.“
„So ähnlich. Aber gib zu, dass du fernsiehst.“
„Du willst deine Agentur in eine Familie verzaubern. Was sagt Sarah dazu, dass du dir eine zweite Familie bastelst? Und dein Wochenende lieber mit der verbringst, als mit ihr und deinen Kindern?“
„Ist ja nur eins von vielen. Nur drei Tage oder so. Stell dir vor, wie das den innerbetrieblichen Zusammenhalt fördert.“
„Stell dir vor, wie ich meinen Chef hasse, wenn er mich zwingt, mit ihm auch noch das Wochenende zu verbringen.“
„Aber nicht, wenn es so ein lässiges Wochenende ist. Und wenn der Chef alles bezahlt.“
„Das wär mir egal. Ich will am Wochenende nur meine Ruhe.“
„Okay, okay. Wo bist du eigentlich jetzt?“
„In meiner Küche. Ich koche. Die Kinder kommen bald.“
Auf dem stummen TV-Bildschirm vor dem Bett ist eine Frau in einer Küche zu sehen, die eine Scheibe Toast in einen Toaster steckt.
„Gar nicht wahr. Es ist Donnerstag. Deine Kinder sind bei Paul. Du liegst im Bett.“
Hätte ich bloss das das Handy auf seinem Balkönli…
„Na gut, liege ich halt im Bett. Aber ich arbeite.“
„Und ausgerechnet du willst mir etwas über Work-Life-Balance predigen? Du? Wirklich?“
„Ja. Und jetzt muss ich weiterarbeiten. Abgabe morgen früh. Meld mich danach, Bussi, Gruber!“
Am Bildschirm schiesst verbrannter Toast aus dem Toaster, das Smartphone liegt wieder stumm neben dem Bett. Wenn die Werbung kommt, verschwindet es aus dem Schlafzimmer, aber fix.

 

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