Entspannung pur

Entspannung_pur_Test

Wir waren in den Ferien auf Kreta, Familienurlaub. Tolles Hotel. Fünf Swimmingpools, Golfplatz, alles sehr schön, aber wahnsinnig anstrengend für mich. Zum Glück gabs ein vielfältiges Kursangebot, das erleichterte mir den Urlaub ein bisschen. Denn wegen der Kurse waren Ruth und Max immerhin drei Stunden am Tag weg, und ich hatte meine Ruhe. Das heisst, ich konnte in der Zeit in aller Ruhe heimlich arbeiten. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, in den Ferien den Schlussbericht über die Verhandlungen mit Tokio zu verfassen.

Benz, mein Chef, erwartete den Bericht zwar erst eine Woche nach meiner Rückkehr, “aber wenn Sie es früher schaffen”, hatte er vor meiner Abreise gesagt, “wäre das ein positives Signal.” Da mein Konkurrent Wuttke sich Benz gegenüber immer offensiver als der für meinen Job Geeignetere darzustellen versuchte, war ich sehr darauf angewiesen, positive Signale auszusenden.

Meine Urlaubstage verliefen folgendermassen: Morgens setzten wir uns alle in die Liegestühle am hoteleigenen Strand. Gegen elf Uhr gingen Ruth und Max dann zu ihren Kursen, und ich winkte ihnen vom Liegestuhl aus zu, bis sie im Kurscenter verschwunden waren. Danach eilte ich im Laufschritt in die Hotellobby und holte mir an der Rezeption mein Notebook, das ich dort heimlich hinterlegt hatte. “Don’t tell my wife!”, sagte ich zum Rezeptionisten. “Look around you”, sagte er gelassen und meinte den blonden Amerikaner, die zwei Deutschen, den dicken Franzosen und die anderen, die wie ich die Tauch- und Surf-Kurse ihrer Familien dazu nutzen, an den kleinen Salontischchen der Hotelbar heimlich zu arbeiten.

Bis 13.00 Uhr liess ich die Tasten klappern, dann rannte ich zurück zum Strand, legte mich wieder in den Liegestuhl und rieb mir Bräunungscrème ins Gesicht. Einmal, als Ruth vom Kurs zurückkam, sagte sie: “Du siehst erholt aus! Diese Ferien tun dir gut.” “Oh ja”, sagte ich, “den ganzen Tag rumliegen und mit den Zehen wackeln: Grossartig!”

In Wirklichkeit hatte ich einen Blutdruck von 165 auf 92, denn allmählich geriet ich in Panik: Die Hälfte der Ferien war schon um, und ich hatte noch nicht einmal die Einleitung des Schlussberichts geschafft! Mein Versuch, Ruth und Max dazu zu überreden, zwei zusätzliche Kurse zu belegen, schlug fehl: “Wir wollen ja auch ein bisschen Zeit mit dir verbringen!”, sagte Ruth. “Papa, komm mit mir in den Swimmingpool 4, da gibts Düsen!”, sagte Max. Also suchte ich mit ihm im Pool die Düsen, das musste nun mal sein.

Wenigstens konnte ich nach dem Abendessen noch ein wenig arbeiten, wenn Ruth Max im Bungalow eine Gutenacht-Geschichte vorlas. “Lies ihm „Krieg und Frieden“ vor”, riet ich Ruth. Aber sie las ihm diese kurzen Tiergeschichten vor, so dass mir nur eine knappe Dreiviertelstunde blieb, bis sie sich mit mir in der Bar zu einem Glas Wein traf.

Am Ende der Ferien war ich, bedingt durch die stressigen Arbeitsbedingungen, so auf dem Hund, dass ich beim Verlassen des Flugzeugs auf der Gangway strauchelte und mir den Fuss verknackste. Shit happens – aber der Schlussbericht war fertig!

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