Eva

38er Bus, Freitag, 19.45.
Sie hätte ein Taxi nehmen sollen. Was, wenn sie jemand sieht? In diesem Aufzug? Mit dem Koffer und den Taschen? Wenn schon. Sie ist glücklich. „Hauptbahnhof“, sagt sie, „einfach!“

„Gute Wahl.“ Der Buschauffeur klingt wie ein Sommelier in einem teuren Restaurant. Wann war Eva das letzte Mal in einem teuren Restaurant? Mit Jerome? Sie kann sich nicht erinnern. Vielleicht an ihrem 40. Geburtstag? Ihrem 15. Hochzeitstag? Beides liegt eine Weile zurück.

Wie lange wird es dauern, bis Jerome merkt, dass sie nicht mehr da ist? Wann wird er den Briefumschlag finden, der an der Kaffeemaschine lehnt?

Sie wirft ihm nichts vor. Nicht nur er ist mit der Firma verheiratet. Sie war es auch. „Ich habe eine Ehe zu dritt geführt“ – wie Lady Di. Aber im Gegensatz zu ihr wusste Eva, was sie tat, als sie Jerome heiratete. Technisch gesehen stand sie damals auf der Karriereleiter eine halbe Stufe höher als er. Aber höher würde sie nicht mehr klettern, das wussten sie beide. Zudem verdiente sie damals schon weniger als er. Sie wollten Kinder. Sie hatten einen Plan, sie waren ein Team.

Er hatte ebenso wenig geahnt wie sie, was das bedeutete. Sie hatten beide gedacht, die Belohnung würde sich einstellen. Wie diese aussehen sollte, das wusste sie jetzt auch nicht mehr. Finanzielle Sicherheit? Gesellschaftliche Position? Privatschulen für die Kinder? Ferienhäuser?

Sie führten zunehmend getrennte Leben. Die Berührungspunkte wurden weniger. Die intimsten Momente waren die zu dritt. Sie, er und die Firma. Weihnachtsparties, Geschäftsessen, ein oder zwei Kongresse. Dann spürte sie seine Anerkennung, seine Dankbarkeit. Aber diese Momente wurden immer seltener. Die Ansprüche immer höher. Die Häuser, die Ferienhäuser, der Unterhalt dieser Häuser, die Kinder, ihre schulischen und ausserschulischen Aktivitäten, die Organisation des Familienlebens – es wuchs ihr alles über den Kopf. Bis ihr so schwindlig war, dass sie nicht mehr aufstehen konnte.

Ironie des Schicksals, dass ihr ein Burn-out attestiert wurde, ihr, der privilegierten Hausfrau und nicht ihm, dem Topmanager. Die Firma, das muss man ihr lassen, kam für die Kosten auf, die die Krankenkasse nicht deckte. Privatklinik, Reha, Therapie.

Wird Jerome ihre Abwesenheit wahrnehmen? Wird er sie vermissen, wird er heimlich erleichtert sein? Sie weiss es nicht. Schlimmer, es interessiert sie nicht mehr.

Am Hauptbahnhof steigt sie aus, sie steigt aus ihrem alten Leben aus, wirft es ab wie eine zu eng gewordene Haut. Der Fahrer wünscht ihr eine gute Reise.

Sie bedankt sich, aber sie schaut nicht zurück.

 

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