Hauswart Lüthy notiert: Di Santo flucht.

Ich habe Herrn Di Santo, Gebäude C, 4. Stock, Zweieinhalbzimmerwohnung links, noch nie gesehen. Oder besser: noch nie in sein Gesicht schauen können. Denn Herr Di Santo sieht immer sein Smartphone an. Er hält es in der linken Hand, während die rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger darüberschwebt, als würde Herr Di Santo mit dem Gerät schimpfen. Tatsächlich tut er das hin und wieder auch, murmelt «Stronzo!» oder «Vaffanculo!», bleibt stehen, tippt hektisch mit dem Zeigefinger auf das Display ein, geht dann weiter, lässt das Handy in die Hosentasche gleiten und holt es nach zehn Schritten wieder heraus.

Vorgestern früh habe ich mir einen kleinen Spass daraus gemacht, Herrn Di Santo, der gerade aus dem Haus kam, mit dem Smartphone in der Hand und einer verärgerten Längsfalte über der Nasenwurzel, zu fragen: «Stronzo oder Vaffanculo?»
Herr Di Santo sah verwundert auf. Wer war dieser Fremde, der intimste Kenntnisse über seine Selbstgespräche besass?
«Lüthy. Ihr Hauswart», lächelte ich. «Wir sind uns schon einige Male begegnet. Also Sie mir. Ich Ihnen glaub nicht so.»
Herr Di Santo starrte mich immer noch fassungslos an, und einen Moment lang glaubte ich, in seinen Augen die Möglichkeit zu erkennen, mir eine reinzuhauen. Mir fiel meine Frau ein, die mich schon mehrmals vor einer solchen Erfahrung gewarnt hatte. «Mit deinen blöden Witzli musst du dich dann nicht wundern», so lauten ihre Worte jeweils.
«Wer macht Sie heute wütend? Soll ich dem mal das Schloss auswechseln? Oder die WC-Spülung abstellen?», versuchte ich die Situation etwas zu glätten. Exakt in der Art, die meiner Frau missfällt.
Herr Di Santo lachte: «Ja, das wäre prima! Mein Chef … der schreibt mir dauernd Mails und SMS … und wenn ich nicht sofort reagiere, schreibt er, ob ich seine Nachricht nicht erhalten hätte … peggio di una donna!»

Ich erfuhr, dass Herrn Di Santos Vorgesetzter seinen Arbeitstag um 4.30 Uhr beginnt und seine Untergebenen durch intensive digitale Zurede dazu zu animieren versucht, ebenfalls die schöpferische Kraft der Morgenstunden zu würdigen, und dass Herrn Di Santos Arbeitstag im Wesentlichen daraus besteht, die Nachrichten seines Chefs zu beantworten, die sich grösstenteils der Beschwerde widmen, dass Herr Di Santo seinen Pflichten als Projektmanager in unbefriedigender Weise nachkomme.

«Wie soll ich meine Projekte managen, wenn der mir dauernd schreibt?», rief Herr Di Santo und hielt sein Handy anklagend in die Höhe wie ein Staatsanwalt ein blutverschmiertes Beweisstück in einem Plastikbeutel, während dort oben erneut der Nachrichtenton erklang.

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