Hauswart Lüthy notiert: Niggli kommt heim.

Heute kommt Herr Niggli nach Hause. Das hat mir Frau Niggli soeben vor dem Haus erzählt und mich gebeten, ihr bei der Dekoration der Wohnung etwas zur Hand zu gehen, namentlich beim Aufhängen einer Buchstabenkette mit dem Text «Welcome home». Ihr Sohn sei im Militär, und ihre Tochter verstehe sich leider in letzter Zeit mit dem Vater nicht besonders, darum … sie sieht mich an, als wäre ich bei ihr angestellt, und ich folge ihr in den Lift.

Auf der kurzen Fahrt in den fünften Stock erfahre ich weitere Details aus dem Familienleben der Nigglis. So hat das Oberhaupt nicht etwa im Ausland geweilt, sondern – Frau Niggli blickt sich unnötigerweise in der Liftkabine um und senkt ihre Stimme – in einer Klinik. Aber nicht krank! Sie hebt die Hand. Bloss etwas … überarbeitet. Ich frage teilnahmsvoll: «Burn-out?» Frau Niggli lacht: «Nein, nein, weit davon entfernt!» Das sehe man ja daran, dass ihr Mann seine Leistungsfähigkeit bereits nach drei Wochen vollumfänglich wiederhergestellt habe. Die ganze Übung sei sowieso völlig unnötig gewesen, aber der Hausarzt habe darauf gedrängt. Wie habe er das genannt … genau: krankhaft übersteigertes Kommunikationsverhalten! Ein Witz! Ihr Mann sei Mitglied der Geschäftsleitung! Ob er etwa schweigend führen solle?

Wir betreten die perfekt aufgeräumte Wohnung der Familie Niggli. Die Hausherrin weist auf den Esstisch mit drei festlichen Gedecken: Der Sohn sei ja, wie gesagt, im Dienst, aber vielleicht habe die Tochter heute gerade einen guten Tag und vermöge sich gegenüber dem verhassten Vater ausnahmsweise etwas milde zu stimmen. In diesem Moment erklingt aus Frau Nigglis Hosentasche ein durchdringender Ton. Sie holt ihr Handy heraus, wirft einen Blick darauf und ruft, als wäre eine empörende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft worden: «Jetzt haben sie ihm sein Handy wiedergegeben!»

Siegestrunken übergibt sie mir die vielfarbige Welcome-back-Buchstabenkette und bittet mich, die Schuhe auszuziehen und den Willkommensgruss an die Wand über dem Sofa zu halten, damit sie die optimale Position bestimmen könne. Während ich die Anordnungen «höher», «mehr links» und «weiter auseinander» umsetze, vermeldet Frau Niggli weitere Nachrichten ihres Mannes: «Jetzt ist er im Taxi!», und kurz darauf: «Jetzt ist er auf der Autobahn!»

Vor dem Haus begegne ich der Tochter, einer etwa 25-jährigen, dunkelhaarigen, unaufgeregt wirkenden Frau. Etwas unbeholfen beglückwünsche ich sie zur Heimkehr ihres Vaters. Ja, sagt sie, es sei schön, dass er wieder daheim sei. Sie hoffe einfach, es sei diesmal für etwas länger als drei Monate.

 

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