Irgendwo in Tennessee

Diana gestorben? Lady Diana? Das gibts doch gar nicht. Die Liebste und ich, tags zuvor in Amerika gelandet, tankten an einem Sonntagmorgen irgendwo in Tennessee, und neben der Zapfsäule hing die Schlagzeile aus, wonach die britische Prinzessin verunfallt war: «Princess Diana dies in Paris car crash.» Ich sage noch: «In den europäischen Zeitungen hat es nicht für die Sonntagausgabe gereicht, hier schon – dank der Zeitverschiebung», steige wieder in den gemieteten Ford Mustang …

Und dann waren wir weg. Einfach fort und weg, viele Wochen lang. Keine Ahnung, was im Büro los war. Keinen Schimmer, welche Resultate mein Fussballverein in jenen Monaten erzielte. Null Erinnerung an den Schweizer Herbst. Wir waren ja weg. Unerreichbar weit weg. An die Gischt erinnere ich mich, die im Atchafalaya-Sumpf vom Bootsbug aufspritzte, an Blues unter freiem Himmel und rabenschwarzen Kaffee. An eine Elvis-Postkarte, die wir in Memphis abschickten. Und an den freundlichen Cop in Austin, den ich mit einem Zwanzig-Dollar-Schein dazu bewegen konnte, unseren Mustang, den er im Parkverbot schon mit seinem Abschleppkran aufgegabelt hatte, wieder herunterzukurbeln.

Nicht auszudenken, welchen Sturm von Hysterie und geheucheltem Beileid Dianas Tod heute auslösen würde, sekundenschnell in alle Erdteile verbreitet. Unsere Reise durch die Südstaaten hat er damals nicht weiter überschattet. Wir hatten ihn, ehrlich gesagt, schon vergessen, als wir bei Marjorie und Coerte eincheckten, einem älteren Paar, das in Lafayette, Louisiana, ein Bed and Breakfast betrieb. Aus ihrer Stube sandte ich meinem Chef einen handgeschriebenen Fax, irgendeines Versäumnisses wegen. Aber sonst? Keinen Kontakt mit Zuhause. Wir waren immer ganz dort, wo wir gerade waren. In dem Lokal, das auf Stelzen überm Brackwasser gebaut war und wo wir «blackened catfish» assen. Im Plattenladen in Atlantas Studentenviertel. Bei Marjorie und Coerte. Er war ein bärtiger Kerl von vielleicht siebzig Jahren, liess sich Kurt rufen, Kurt wie Cobain, und raunte zum Abschied: «Drop me a line on the internet!» Ich wusste noch nicht mal genau, was das war, drum hab ich den Satz nie vergessen: «Drop me a line on the internet!»

Letzten Herbst, auf Stippvisite in Louisiana, sah ich Coerte wieder. Er geht gegen neunzig und sieht noch immer aus wie siebzig. Wir wollen gerade ins Gespräch kommen über einen Bootsunfall, den er gehabt hat, da blinkt auf meinem Handy die Mitteilung auf: «Anfrage für Referat in Sursee», und ich gäbe viel darum, noch einmal so losgelöst zu sein wie damals, Neunzehnhundertsiebenund… Verdammt! Ist noch gar nicht so lang her.

 

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