Kleines Lexikon der Arbeit, Folge 1:
Arbeitssucht, die

tbd_SVV_arbeitssucht

Arbeitssucht, die; Die öffentliche Meinung ist in solchen Fällen so kategorisch wie rigoros mit ihrem Urteil: Wer wirklich Arbeitssucht, der findet auch welche, heisst es da schnell einmal. Doch ganz so einfach ist es leider nicht. Die Realität, so wissen Experten längst, sieht in Wirklichkeit oftmals anders aus.

Arbeitssucht (>Morbus Stachanow, >Ergomanie, >workaholism) beginnt in der Regel ganz harmlos. Eine unbezahlte Überstunde hier, eine unbezahlte Überstunde dort. Schnell aber wird die Arbeit zwanghaft. Die bedauernswerten Betroffenen ( >working poor), nehmen sogar vielfach mehrere Stellen nebeneinander an, um ihrer Sucht zu frönen. Um bei der Arbeit von misstrauischen Kollegen und Kolleginnen nicht erwischt zu werden, schliessen sich die Arbeitssüchtigen nach >Feierabend oft noch im Klo ein, um dort ungestört weiterarbeiten zu können. Sie verkörpern also das genaue Gegenteil des notorischen >Öffentlichkeitsarbeiters.

Vielfach nehmen sie ihre Arbeit auch mit nach Hause. Gerade bei Angehörigen von Berufsgruppen wie Eisenbiegern, Grosstierärzten, Teilchenbeschleunigern und Mitarbeitern der Müllabfuhr kann dies zu schweren Partnerschaftskonflikten führen. Dabei entsteht meistens ein >Teufelskreis, weil die Betroffenen sich oftmals nur noch tiefer in die Arbeit flüchten, statt ein >klärendes Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin zu suchen. Die Arbeitssüchtigen beginnen zwanghaft sog. >Workshops aufzusuchen (diese entsprechen den >Bordellen der >Sexsüchtigen).

Die Ursachen der Arbeitssucht sind immer noch unzureichend erforscht. Sie dürften jedoch zu etwa gleichen Teilen in den Genen, der Kindheit und im Gehirn liegen. Wichtig ist es, rechtzeitig professionelle Hilfe aufzusuchen, wenn die Arbeit ungesunde Freude und ein Übermass an Befriedigung bereitet.

Man schätzt, dass mehr als zwei Drittel aller berufstägigen Männer und mehr als 60% der werktätigen Frauen mindestens schon einmal in ihrem Leben von Arbeit betroffen waren. Die >Dunkelziffer dürfte beträchtlich sein (>Schwarzarbeit). Nachdem jahrzehntelang in der Therapie der Arbeitssucht das sog. >Abstinenzprinzip herrschte, ist man heute mehrheitlich zur Methode der >kontrollierten Arbeitsabgabe übergegangen. In der Beschäftigungstherapie erhält der Arbeitnehmende von einem sozialpsychologisch eigens dafür geschulten Arbeitgebenden zunächst Arbeit in verdünnter Dosis (>Homöopathie), die jedoch langsam gesteigert wird. Leider sind gerade bei diesem Verfahren Rückfälle keineswegs auszuschliessen.

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