Knechtschaft 2.0

Knechtschaft 2.0

Hugentobler wischte sich den Bierschaum von den Lippen und nickte. Ja, das kam ihm nicht unbekannt vor, was Roggenmoser da gerade erzählte.
Der fuhr fort, die Hand vor dem Mund, einen Rülpser unterdrückend. „Ja, und dann: Ich kann einfach nicht anders. Das Internet saugt mich rein. Eigentlich sollte ich meine Arbeit tun, aber dann schaue ich bei den Onlinezeitungen nach, ob irgendwas passiert ist auf der Welt. Weil: Das ist ja das Furchtbare an der Welt, dass immer alles überall geschehen kann.“
Hugentobler sagte: „Aber nichts passiert, oder?“
„Nein, nichts, ausser, dass es neue Katzenvideos gibt oder einen witzigen Film mit einem Faultier. Aber weil ich schon im Netz bin, schaue ich bei Ricardo vorbei, ob es gebrauchte Elektrostaten-Kopfhörer gibt.“
„Aber du hast doch schon einen.“
„Trotzdem. Muss ich immer kontrollieren. Gibt aber keine neuen. Also google ich ein bisschen durch die Welt. Zuerst über Lautsprecher und Stereoanlagen, aber ich finde nur die Seiten, die ich schon hundertmal besucht habe. Also google ich was anderes, aber mir fällt nichts ein. Und dann google ich mich selbst.“
„Und?“
„Nichts. Es gibt im Telefon bloss fünf Roggenmoser, also kannst du im Netz nicht viel erwarten.“
„Echt? Bloss fünf?“
„Ja, Rogenmoser, also mit einem G bloss, gibt es hundertmal mehr.“
„Und was googelst du dann?“
„Das ist das Problem: Irgendwann fällt mir nicht mehr ein, was ich googeln soll. Also google ich ‚Google’.“
„Du googelst ‚Google?‘“
„Ja. Zwölf Milliarden Treffer. Aber keiner davon ist auch nur irgendwie interessant.“
„Keiner?“
„Nun ja, ich muss zugeben, ich hab nicht alle der 12 Milliarden Treffer kontrolliert“, gab Roggenmoser zu, und blickte versonnen drein, als er einen Schluck Bier nahm.
Hugentobler sagte in die Stille: „Ja, die Welt, sie scheint so gross, aber sie ist so klein.“
„Und daheim geht es weiter, abends, wenn ich mit einem schlechten Gewissen aus dem Büro komme, weil ich die Arbeit nicht erledigt habe. Daheim will ich entspannen, schaue einen Krimi, sagen wir: Wallander. Der ist spannend, aber nicht so spannend, dass ich daneben nicht noch ein bisschen auf dem i-Pad rumdrücken kann.“
„Sag es nicht: Du schaust, ob es auf Ricardo neue Elektrostaten-Kopfhörer gibt?“
„Genau.“
„Oje.“
„Eben. Und ich weiss, dass ich schon längst schlafen sollte, leide ja eh unter Schlafmanko. Aber ich kann nicht aufhören. Also google ich .“
„Und?“
„Schlaganfall, Krebs, Diabetes, Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das macht mich so nervös, dass an Einschlafen nicht zu denken ist. Ausserdem habe ich den Schluss von Wallander verpasst. Ich weiss nicht, wer der Mörder war. Also muss ich das googeln.“
„Voll abhängig.“
„Ja, voll abhängig.“

 

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