Komischer Clown

Komischer Clown

Hugentobler liebte seinen Zahnarzt, so selten er ihn sah, denn sein Zahnarzt lobte ihn stets. Vom Mundschutz gedämpft kamen die Worte aus des Doktors Mund, während er die Röntgenbilder betrachtete. „Herr Hugentobler, wenn alle meine Kunden so wären wie Sie, ich müsste meinen Cayenne verkaufen. Da gibt es für mich nichts zu tun.“ Hugentobler – wie ein Astronaut im schwerelosen Raum schwebend im heruntergelassenen Gestühl hängend – blickte den kopfüberstehenden Zahnarzt an, sagte: „Aber die Schmerzen?“ „Das erkläre ich Ihnen, kein Problem.“ „Kein Loch?“ „Kein Loch.“ „Sind Sie sicher?“ Der Zahnarzt zog den Mundschutz vom Kopf, nickte, und dann erklärte er es ihm.

Später sass Hugentobler glücklich ob seiner Lochlosigkeit im Büro. Wie der Zahnarzt ihm geraten hatte, blickte er den Fremdkörper an, den er auf seinen Schreibtisch gestellt hatte: Einen dämlich grinsenden Clown aus Keramik, er hatte ihn in einem Geschenkartikelladen gefunden. Das hatte der Zahnarzt ihm geraten: „Stellen Sie etwas Irritierendes in die Nähe ihres Blickfelds, und immer wenn Sie es sehen und sich fragen: „Was soll denn das hier? “, dann erinnern Sie sich daran, sich zu entspannen. Schliessen Sie die Augen. Atmen Sie einmal kräftig durch, ein zweites Mal und ruhig auch ein drittes Mal. Herr Hugentobler, Sie verkrampfen sich, deshalb beissen Sie die Kiefer zusammen, daher kommen ihre Schmerzen.“

Also stellte Hugentobler den Keramik-Clown neben seinen Computerbildschirm, erblickte ihn einmal am Tag, wurde davon irritiert, schloss die Augen, atmete durch, entspannte sich bis tief in sein Innerstes. Die Kieferschmerzen verschwanden bald, ebenso seine nächtlichen Träume von hölllochgrossen Löchern in seinen Backenzähnen, sein Schlaf wurde besser und überhaupt fühlte er sich seither grossartig. Diese Sekunden bei geschlossenen Augen auf seinem Bürostuhl hockend, sie kamen ihm vor wie Wellnessferien. Begeistert erzählte er allen davon, fernen Freunden, flüchtigen Bekannten, dem gorillagleichen Instruktor im Fitnessclub, und ja, manchmal fand er selbst, er klinge ein wenig missionarisch, was ihm aber durchaus gefiel.

Als er darüber mit Roggenmoser in der Onyx-Bar hockend bei einem Bier sprach, da sagte dieser nachdenklich: „Hm, vielleicht sollte ich es auch probieren. Entspannung kann jeder gebrauchen. Aber was für ein Gegenstand soll es sein?“ „Irgendein Gegenstand, der mit deinem Leben nichts zu tun hat. Der möglichst absurd ist. Der dich vielleicht sogar schockiert. Der dich aus dem Moment rausreisst, der den rasenden Gang der Dinge für eine Sekunde stoppt.“ „Gut“, sagte Roggenmoser, nahm einen Schluck Bier, leckte sich den Schaum von den Lippen, „ich weiss schon, welcher Gegenstand es sein wird.“ „Welcher?“ „Das Foto meiner Exfrau.“

 

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