Kunz ist Offline – 1

Michael Kunz steht am Flughafen und ist sauer. So richtig.

Wieso packt man nur Handgepäck, wenn man’s dann doch aufgeben muss? «Zu wenig Stauraum in der Kabine» – ist Kunz doch piepegal! Und dann kommt der vermaledeite Koffer nicht mal an. Der Koffer mit seinem Laptop. Und dem Handy. «Habe ja eh keinen Empfang im Flieger», hatte er sich gesagt und das Handy noch schnell in den Koffer gestopft, bevor ihn das nette Frölein am Schalter zu den anderen stellte. «Kann ich mal wieder friedlich Zeitung lesen», hatte er sich gesagt. «Mal wieder ein bisschen analog», hatte er sich gesagt. Brillante Idee.

«Lost and Found» will sich am nächsten Morgen im Hotel melden, heute könne man nichts mehr tun. Bravo.

Lost ist nun auch Kunz. Nur leider ohne Found.

Dann also erst mal ins Hotel. Kunz winkt ein Taxi herbei, steigt ein und merkt, dass er keine Ahnung hat, wie sein Hotel heisst. Frau Plüss wüsste das jetzt. Nur müsste man dafür Frau Plüss anrufen und dazu braucht man ein Handy. Und eine Nummer, denn auch diese kennt Kunz nicht auswendig.

Also wieder raus aus dem Taxi. Der Schweiss läuft Kunz den Rücken runter, sein Hemd klebt an seinem Bauch. Kurz durchfährt ihn der Gedanke, dass dieses das einzige Hemd ist, das er bei sich hat. Das Stinkschweisshemd.

Dafür ist nun aber keine Zeit, die Nummer von Frau Plüss muss her. Er setzt sich am Flughafen an einen öffentlichen Computer mit klebriger Maus und bezahlt ein kleines Vermögen für ein paar Minuten Internet und die Einsicht, dass die Homepage seiner Firma zwar hübsch ausschaut, jedoch einen absoluten Horror für jeden darstellt, der die Nummer von Frau Plüss sucht. Nach einer gefühlten Ewigkeit findet er sie schliesslich und schreibt sie sich mit dem geborgten Kulli eines chinesischen Geschäftsmanns auf den Unterarm.

Danach muss er sich an einem Stand einen miserablen Kaffee kaufen, weil «man kein Kleingeldautomat sei», damit er Münz hat für das Münztelefon, das ihm denn endlich das Telefonat mit Frau Plüss ermöglicht.

«Warum haben Sie nicht einfach Ihre Mails angeschaut wegen der Hoteladresse, anstatt meine Nummer rauszusuchen?», quakt ihm diese am Telefon leicht schadenfreudig entgegen.

Kunz schlägt seinen Kopf gegen die Kante des Münztelefons und bittet Frau Plüss, ihm «einfach nur den verdammten Hotelnamen zu nennen.» Diese tut, wie ihr befohlen und ist noch zwei Wochen lang beleidigt, weil er «verdammt» zu ihr gesagt hat.

Im Hotel fragt er, ob es Computerterminals für Gäste gäbe, worauf ihn der circa 19-jährige Rezeptionist mit Bartflaum anlacht und sagt: «Die gibts schon seit Jahren nicht mehr, es hat ja jeder Gast ein Handy oder einen Laptop. Brauchen Sie einen Code?»

«Nein, danke», grummelt Kunz leicht sarkastisch, «ich bin offline».

 

 

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