Kunz ist Offline – 2

Kunz ist Offline – 2

Bisher: Michael Kunz befindet sich auf einem Businesstrip. Am Flughafen zeigt sich: Der Koffer mit Handy und Laptop ist weg.

Es ist 18.00 Uhr. Kunz betritt sein Hotelzimmer. Standardgrösse mit Standardbett und Standardschreibtisch. Sogar der Geruch ist Standard. Er stellt seinen Koffer in die Ecke und lässt sich mit ausgestreckten Armen rückwärts aufs Bett fallen. Dabei macht sich etwas bemerkbar, was gar nicht Standard ist: Der Geruch seines Hemdes. Seines einzigen Hemdes. Kunz riecht kurz an seiner Achsel, rümpft die Nase und sagt leise «Wäh» zu sich selbst. Er ruft bei der Rezeption an und gibt eine «Overnight Laundry» in Auftrag, zieht sich komplett aus, montiert den Standard-Bademantel aus dem Hotelschrank und stellt den Wäschesack auf den Flur.

Michael Kunz, König des Business-Reisens, Herrscher über die Geschäftskreditkarte, immer fein angezogen, immer unterwegs, immer schon einen Schritt weiter. Immer online. Ebendieser Kunz sitzt nun im etwas zu kurzen Bademäntelchen mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Hotelbett und massiert seine Schläfen. Immer wieder greift er reflexartig zum Nachttisch, wo sein Handy jedes Mal wieder nicht aufzufinden ist. In seinem Kopf beginnt sich die verpasste Arbeit zu stapeln. Er macht sich mit dem Hotelkugelschreiber einige Notizen, damit er nicht alles vergisst, merkt aber bald, dass er seine eigene Handschrift kaum noch lesen kann. Irgendwie verlernt.

Kunz’ Magen meldet sich. Er hat in der Stadt ein Lieblingssteakhouse, auf das er sich sehr gefreut hatte. Kunz schaut an seinem Bademantel herunter und denkt: «Das wird wohl bis morgen warten müssen.» Stattdessen bestellt er sich Pasta beim Zimmerservice und schaut beim Essen fern. Das macht er sonst nie – die Pushnachrichten auf dem Handy reichen üblicherweise, um ihn auf dem neusten Stand des Weltgeschehens zu halten. Nachdem er eine Stunde irgendwelchen Teenagern beim Gebären und einer Horde junger Frauen beim Buhlen um einen schleimigen Schönling zugeschaut hat, ist er überzeugt, nicht viel verpasst zu haben.

Wieder ein Griff zum Nachttisch. «Mist.»

Es ist 20 Uhr. Kunz ist satt, gelangweilt und mehr oder weniger nackt.

Er entscheidet sich, ein Bad zu nehmen – dänn halt! – «Bleibt mir ja nichts anderes übrig», sagt er sich mürrisch. In die heisse Wanne rutschend lächelt er dann jedoch leise in sich hinein. So schlecht ist das irgendwie gar nicht, denkt er.

Zeitgleich klingelt bei Frau Plüss zum achten Mal das Handy. Schon wieder eine Umleitung von Kunz.

«Wo zum Henker ist Kunz, Frau Plüss?»

«Kunz ist offline.»

 

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