Kunz ist Offline – 3

Kunz ist Offline - 3
Bisher: Michael Kunz findet sich auf einem Businesstrip ohne Koffer wieder – und somit auch ohne Handy und Laptop.

Michael Kunz wird vom Hoteltelefon geweckt. Mitten aus dem Traum gerissen, tastet er aufgeschreckt nach dem Hörer und wirft dabei das ganze Telefon auf den Boden. Auf dem Bauch liegend hebt er den Hörer auf und krächzt mit seiner Morgenstimme ein quietschendes: «Hallo?» in die Leitung.

Es ist die Fluggesellschaft. Der Koffer. Nun ja. Also der Koffer. Der ist weg.

«Wie, weg??», fragt Kunz, nun schon um einiges bestimmter.

«Nun, weg weg», vermeldet die Dame am anderen Ende. Er sei weder in Zürich geblieben, noch hier angekommen. Also ja, er sei weg. Wenn er wolle, könne er ihn online zu tracken versuchen – er sei wirklich weg. Ob er ihr seine Versicherungsangaben durchgeben könnte.

«Neinneinnein, Moment. Wie WEG??», schreit Kunz nun schon fast ins Telefon. Das könne doch nicht sein, da seien sein Laptop und das Handy drin, er BRAUCHE diesen Koffer. Der Koffer sei aber weg. Kunz liegt noch immer auf dem Bauch, den Kopf über die Bettkante geneigt, welcher sich langsam mit Blut füllt – nicht nur wegen der Position.

Die Dame fragt nochmals freundlich nach seinen Versicherungsangaben, man wolle das so schnell wie möglich erledigen. «Gerne auch per Mail», fügt sie an und Kunz verdreht die Augen. Er merkt, wie sich sein Magen zusammenzieht und die Schläfen zu pochen beginnen und er nennt der Dame sehr schnell Frau Plüss’ Namen und die Firma. Man solle sich mit ihr absprechen. «AUF WIEDERSEHEN», schreit Kunz in den Hörer und haut diesen wütend auf die Gabel.

Er dreht sich auf den Rücken und ist sich sicher: «Falls ich ein Magengeschwür habe, dann wird es jetzt platzen». Tut es aber nicht. Kunz liegt eine Weile da und wartet, bis sein Puls sich normalisiert. Jetzt erst schaut er auf die Uhr und erschrickt: Es ist 9.00 Uhr. Normalerweise ist der Wecker fix in sein Handy programmiert und schrillt ihn zuverlässig um 5.45 Uhr mit irgendwelchen Dschungelgeräuschen aus den Träumen. Das Handy aber, wie der vermaledeite Koffer, «ist weg» und Kunz hat keine Sekunde daran gedacht, dass damit auch sein Wecker abhanden gekommen ist.

Zugegeben, er fühlt sich gut. Für einmal ist da nicht dieser «Ich schmeisse alles hin und wandere nach Curaçao aus und züchte Ziegen»-Gedanke, der ihm normalerweise jeden Morgen mindestens einmal ins Gehirn springt. «Gar nicht so übel», denkt er sich, während er sich im Bad in der frisch gewaschenen Unterhose das Gesicht wäscht und die Zähne putzt.

Sein erstes Meeting ist auf 13.00 Uhr angesetzt, im Marriott am Rathausplatz, bestätigt ihm Frau Plüss am Telefon – glücklicherweise liess sich die Nummer auf dem Unterarm noch entziffern. Sie klagt von sieben verpassten Anrufen und 32 E-Mails.

«Da müssen Sie sich jetzt drum kümmern die nächsten zwei Tage, Frau Plüss», sagt Kunz sec. Er hört, wie die Gute am anderen Ende nach Luft schnappt und fügt, bevor sie ihm einen Vortrag über ihren Zuständigkeitsbereich und ihre Arbeitszeiten halten kann, gerade noch an: «Es sind nur zwei Tage. Ich vertraue Ihnen.» Da lässt das Schnaufen nach und es ertönt ein mütterliches «Jänu sodänn».

«Aber was soll ich den Leuten denn sagen?»
«Was haben Sie denn bisher gesagt?»
«Kunz ist offline.»
«Perfekt.»

 

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