Kunz ist Offline – 4

KunzIstOfflineTeil4

Bisher: Michael Kunz hat erfahren, dass sein Koffer mit Handy und Laptop nun definitiv weg ist und dass er den Rest seines Business-Trips ohne wird verbringen müssen.

Michael Kunz steht auf der Strasse und ist verwirrt. Gerade noch stand er an der Rezeption seines Hotels und liess sich erklären, wo sich das nächste Herrenmodengeschäft befindet, nun steht er da und weiss nicht, wo er ist. Links – links – rechts – links. So hatte es das nette Fräulein beschrieben, da ist er sich ganz sicher. Nachdem er aber diese Anweisungen befolgt hat, steht er an einer vierspurigen Strasse, an der sich nur Bürogebäude befinden.

Er greift in seine Hosentasche – und ins Leere, denn ja, das Handy ist noch immer weg und mit ihm auch die Karte, auf die er sich sonst auf all seinen Reisen so sehr verlassen konnte. Er ärgert sich, dass er keinen Stadtplan mitgenommen hat. «Nein danke, ich kenne mich recht gut aus», hatte er grossspurig gesagt. Das stimmte auch. Aber halt nur, wenn er dabei ab und an auf sein Handy schauen konnte.

Er spricht eine Dame an, die ihn um die Ecke weist: Da ist der Laden. Links – links – rechts – links. Stimmt. Kunz verdreht die Augen und macht sich auf, kauft in Eile drei Hemden, drei Paar Unterhosen und drei Paar Socken. Der Anzug muss noch zwei Tage reichen.

Zurück auf der Strasse macht sich Kunz auf die Suche nach der U-Bahn und merkt, dass er die Stadt trotz mehrerer vergangener Business-Trips eben doch nicht so gut kennt. «Schade eigentlich», sagt er sich und nimmt sich vor, das nächste Mal einen Tag anzuhängen.

In der U-Bahn-Station angekommen, studiert Kunz wieder einmal einen analogen Fahrplan. Er ist sich nicht gewöhnt, etwas nicht mit zwei Fingern heranzoomen zu können. Mit dem Finger folgt er den winzigen Zahlen und lehnt sich dabei mit dem Kopf so weit wie möglich nach hinten, um sie auch entziffern zu können. Von weitem muss das ausgesehen haben, als sei ein Limbo-Tänzer am Fahrplan festgeklebt.

20 Minuten und acht Stationen später steht Kunz am Rathausplatz vor dem Marriott. Er ist über eine halbe Stunde zu früh. Normalerweise wäre ihm das nicht passiert, Zeit ist schliesslich Geld, und wenn doch, hätte er diese Zeit genutzt, um E-Mails zu beantworten und Telefonate zu führen, obwohl es eigentlich seine Mittagszeit ist. Stattdessen kauft er sich ein Sandwich, setzt sich an die Sonne und plaudert mit dem älteren Herrn neben ihm über die Schweiz und die Politik und Gott und die Welt.

Um 13.00 Uhr trifft er sich mit seinen Geschäftskollegen zum Meeting. Ein alter Bekannter schüttelt ihm die Hand und sagt: «Mensch Kunz, du siehst ja richtig erholt aus, warst du in den Ferien?»

«Nein», erwidert Kunz, «nur ein Weilchen offline.»

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