Paranoia in der Onyx-Bar

Paranoia in der Onyx-Bar

Hugentobler sass in der Onyx-Bar, ungläubig blickte er auf das Display seines Smartphones, das er aus der Jackett-Tasche gezogen hatte, wie mehrmals zuvor, aber noch immer war der Bildschirm schwarz. „Verdammt“, dachte er, und leise sagte er: „Verdammt.“ Der Strom war ihm ausgegangen, einfach so. Mit frisch geladenem Gerät ging er morgens ins Büro, und nun dies. Sein 10000mAh-Battery-Pack hatte er daheim vergessen. Sollte er andere Gäste nach einem passenden Ladekabel fragen? Er wusste noch nicht einmal, wie spät es war. Er trug keine Uhr. „Wer braucht schon eine Uhr, heutzutage?“, pflegte er zu sagen, wenn er auf sein nacktes Handgelenk angesprochen wurde, „Armbanduhren waren gestern!“
Hugentobler blickte nervös zum Eingang. Wo war Roggenmoser? „Entschuldigen Sie“, sagte er zum Kellner, der lächelnd fragte: „Noch ein Bier?“ Hugentobler sah, dass sein Glas leer war, dachte kurz nach, nickte dann. „Ja, und: Wie spät ist es?“ Der Kellner fuhr elegant seinen Arm aus, knallgelb lugte eine Swatch unter dem Ärmel hervor. „Viertel nach sechs“, sagte er. Natürlich könnte er Roggenmoser anrufen lassen, von der Bar aus, und ihn fragen, wo er bliebe, ob etwas passiert oder dazwischen gekommen sei. Aber Roggenmosers Telefonnummer steckte nicht in Hugentoblers Kopf, sondern in seinem Smartphone, nicht eine Zahl wusste er davon. So sass er in der Bar, scannte wie ein schlechter Privatdetektiv jeden Hereinkommenden, aber keine Spur von Roggenmoser. Und dabei war der doch die Pünktlichkeit in Person, eigentlich.
Dann, drei Schluck Bier später, stand – wie aus dem Nichts – Roggenmoser da. „Mensch!“, sagte Hugentobler, „Wo warst denn du? Ich hab mir Sorgen gemacht.“ Roggenmoser hängte seinen Kittel über den Barhocker und setzte sich. „Ich hab dich angerufen, aber du gingst nicht ran. Hab dir auf die Combox gesprochen, auch eine SMS geschrieben.“ „Kein Saft“, sagte Hugentobler, wie zum Beweis holte er noch einmal sein Smartphone hervor mit dem leer und schwarz glänzenden Display. Roggenmoser sagte: „Ich kam aus dem Büro und es war ein so unglaublich schöner Tag, also: Ist es ja noch immer. Ich beschloss, zu Fuss zu gehen. Dauerte halt etwas länger, hat sich aber gelohnt.“ „Ich dachte schon, du hättest unsere Verabredung vergessen.“ „Aber ich hab dich doch noch nie versetzt. Du kannst auf mich zählen. Auf mich ist Verlass, das weisst du doch. Ich bin ein Mensch, keine Maschine.“ Roggenmosers Bier kam, sie prosteten sich zu, und als die Gläser wieder auf dem Bartisch standen, sagte Hugentobler mit gesenkter Stimme: „Du hast nicht zufälligerweise ein Ladekabel dabei? Oder ein Battery-Pack? Oder?“

 

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