Schaurig busy

«Sii, Fröläin Tschudi …», brüllt er schon zum dritten Mal, aber die Verbindung scheint nicht recht zu klappen. Kunststück, im Hochgeschwindigkeitstunnel. «Fröläin Tschudi, tüends mer no gschnäll d Präsi für Mäiland durebiime! Und dee Löntsch händs mer känzled, gälled Sii?» Weiter vorn steht noch immer ein Ständerat und nestelt umständlich an seinem Ledermantel rum.

«Sii, Fröläin Tschudi …, schreit der Geschniegelte mit Kurzhaarschnitt erneut schaurig busy in sein Handy, «’ch bruuch na s’Dossier …» Wie geschäftig sie alle sind im Businesswagen der SBB! «Dee Frankeschock isch doch en Tschällensch, grad im Öpper-Market-Segmänt, odä?», schwadroniert eine Mittelalterliche im Deux-Pièces mir schräg gegenüber, fixiert dabei mich, spricht aber per Ohrstöpselgarnitur mit unbekannt: «’Sch doch nur e Frag vom Köstemer Rileischnschipp Mänätschment.» Der Jüngling neben ihr – Typus tifiger Secondo mit Gelfrisur – hackt geschwind und mit solcher Verve auf seinem Laptop herum, dass einem um die Tastatur bang wird. «Sii, Fröläin Tschudi», prustets derweil neben mir schon wieder, «chönnted S’mer nöd na im ‹Belcanto› reserviere, für hütt z’Abig? Näi, mii Frau muess es nüd wüsse … So am achti? Zwanzig-null-null, gälled Sii!»

Als Mitreisender erfährst du mehr, als dir lieb ist. Ist vielleicht er derjenige mit Namen Arnold? «Roland Arnold’s iPhone» erscheint auf meinem Display als möglicher Hotspot, und ich würde ihm gerne sagen, dies sei ein falsches Apostroph. Ein Christoph machts besser: «Christophs iPhone» steht zur Wahl, passwortgeschützt, dazu – wie originell! – «My-hotspot-not-yours-bastard», «iPad de Nello» und «FRITZbox_WLAN». Einer hat «Stöffus Ei-Foun» geschrieben, bestimmt Berner. Allesamt sind sie vernetzt, verkabelt, verbunden, man schaut sich um und rätselt, welcher WLan zu wem gehört …

Soll ich, zur Provokation, im Intercity ein Nickerchen halten? Oder, noch besser, ich kaufe dem Minibar-Menschen, der sich eben zwischen Aktenmappen und Rollkoffern durchkämpft, einen Becher Tee ab und sitze dann einfach da, schaue zum Fenster raus, wo gerade eine verwaiste Badeanstalt vorbeifliegt, starre zwischendurch auf den Bildschirm des Sitznachbars, der in einer Excel-Tabelle rumfingert und gleichzeitig, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, telefoniert: «Frölain Tschudi …!» Nichts tun im Businesswagen, es wäre die wahre Provokation. Sie! Das mache ich! Gleich! Muss nur vorher noch rasch die Rita anrufen. Und, ach ja, das Mail wegen Mettendorf …

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