Schön altmodisch.


Schoen altmodisch

Grubers schlechte Angewohnheit, meinen Schlaf nächtens mit plongenden SMSen und fröhlichem Whatsapp-Gepfeife zu stören, wird begünstigt von meiner schlechten Angewohnheit, neben dem eingeschalteten Smartphone zu schlafen. Kein Smartphone, kein Gruber, so einfach wäre das, aber. Allerdings erwischte mich Gruber gestern hellwach, kurz nach drei Uhr früh, als ich schlaflos Facebook und Twitter durchkämmte, wie es alle Experten für guten, gesunden Schlaf entschieden nicht raten. Keine Monitore im Bett! Böses, viel zu helles Licht! Ruiniert den guten R.E.M-Schlaf! Jaja, ich weiss. Jedenfalls war ich in der Position, Gruber ein Selfie mit einem müden Grinser zu whatsappen. Gruber whatsappte zurück, ich sähe zum Gotterbarmen schlecht aus. Ich retournierte eine Beschwerde über seine nächtlichen Störungen. Dann schalt halt dein Smartphone aus, textete Gruber.
Habe ich ja! Gestern erst. Elektronik-freies Schlafzimmer, Schritt 1: einen kleinen, mechanischen Wecker besorgen. Der Wecker lag gut in der Hand. Durchschaubare Technik im Blech-Glas-Gehäuse, ineinander greifende Zahnräder, prima Handwerk. Ich platzierte den Wecker neben dem Bett und zog ihn auf. Die Zahnräder setzten sich in Bewegung, hörbar; eine richtige, tickende Uhr, wie altmodisch, wie schön. Ich legte mich hin, das Ticken wurde lauter. Ich versuchte einzuschlafen, das Ticken entwickelte sich zum Gebrüll. Ich stellte den Wecker in die Küche, verlängerte die entstandene Schlaflosigkeit mit Smartphone-Monitor-Wischen und infolge dessen mit besagter Gruber-Konversation.
Ich komme morgen und löse das Problem, schrieb Gruber.
Du meinst: persönlich?
In Fleisch und Blut.
Wow.
Ja, oder. Gute Nacht.
Und tatsächlich stand Gruber anderntags vor meiner Tür, mit einem breiten Grinser im Gesicht und einem kleinen Geschenk in der Hand: ein hochmoderner Digitalwecker. Gruber hatte seinen Lunch für meinen Schlaf geopfert; wie rührend.
Leider wollte Gruber den Wecker auch höchstpersönlich installieren, zog dafür ein Kabel aus der Dose, das man nicht aus der Dose ziehen soll, brachte damit mein hochkompliziertes TV-System zum Erliegen und damit die Schlafzimmer-Elektronik-Freiheit einen weit grösseren Schritt voran als geplant. Immerhin, das Smartphone ist raus aus dem Schlafgemach: Ich habe jetzt einen Wecker. Er singt nur irgendwie, schwingt, vibriert; unhörbar, aber spürbar und ruhevernichtend. Und er hat riesige, knallorange, aus dem Dunkel leuchtende Ziffern, die mir sagen, dass es jetzt genau 03.11 Uhr ist. Vielleicht sollte ich Gruber anrufen.

 

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