Sein oder nicht sein

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Dann hat Gruber der Ehrgeiz gepackt. Es hat sich wohl einer zu viel lustig gemacht, über seinen Unfall am Berg, als er sich den Knöchel gebrochen hat, beim SMSen. Jedenfalls hat Gruber beschlossen, den Familienurlaub vollkommen ungruberisch anzugehen. Zuerst hat es keiner geglaubt, als Gruber gesagt hat, dass er ein internetfreies Haus mietet, sein Laptop nicht mitnimmt, sein Handy ausschalten und nur einmal am Tag in der Firma anrufen wird.
Ja, sicher. Hahaha. Sarah hat gelacht, weil sie ihren Mann schon lange kennt, und ihn gesehen hat, wie er an den Wochenenden im Landhaus seiner Schwester fast permanent in jenen entfernten Flecken des Grundstücks herumstapfte, vorne bei den Kühen, wo es wenigstens ein bisschen Empfang gab. Und seine Assistentin hat gelacht, die auch sonntags ständig Anrufe und Textnachrichten von Gruber bekommt, dass sie dies und das notieren solle. Und alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso. Und ich erst, die ich von Gruber überwiegend nachts angerufen werde: Was haben wir gelacht.
Und dann hat es Gruber durchgezogen. Er kam an am italienischen Ferienort, in dem schönen Haus direkt am Strand, das Sarah und er für uns drei Familien – Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder – gemietet hatte, und in dem er vor dem Urlaub das WLAN ausschalten liess, zum riesigen Unverständnis des Vermieters, der es erst im Vorjahr installieren hatte lassen: Seriously? Yessss, seriously.
Die Kinder hatten protestiert, gehts noch, sicher nicht! Zwei von den Jugendlichen liessen sich nur mit Mühe zum Mitfahren überreden. Nur Gruber war strahlend entschlossen, das werde ganz toll, und erholter würden wir nie gewesen sein, und die anderen Erwachsenen nickten skeptisch, na ja, wir werden sehen.
Und dann war es so: Einen halben Tag lang jammerten die Kinder, dann stellten sie fest, dass man im Wasser kein Handy braucht, dass sie die Kulturtechnik des Kartenspielens noch ganz gut beherrschen, dass man Erziehungsberechtigte beim Scrabble-Spielen super leiden sehen kann und dass Musik erstaunlicherweise auch aus anderen Geräten erklingen und man dazu tanzen kann. Während die Erwachsenen teilweise heftige Entzugserscheinungen zeigten, so ohne ständige News, ohne Facebook und Twitter, bis sie sich schliesslich daran erinnerten, wie angenehm die ungestörte Lektüre eines Buches sein kann. Und wie unterhaltsam ein Abendessen, bei dem keiner in sein Smartphone starrt. Wir gewöhnten uns daran. Es war ok, so vorübergehend. Und Gruber? Wir führten lange Gespräche darüber, ob man eigentlich existiert, wenn man in Social Media nicht mehr präsent ist, aber er hielt durch. Ich glaube nicht, dass er es nochmal macht: Aber durchgehalten hat er.

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