Therese

Therese

38er Bus, Dienstag, 08.45.
Worauf wartet er, fragt sich Therese. Wann wird es endlich grün, verdammt, ich komme zu spät. Sie steht auf, drängt sich nach vorn, versucht, durch die Windschutzscheibe zu sehen. Sie hätte früher aufstehen sollen. Noch früher. Ein Taxi nehmen. Wer fährt schon mit dem Bus zur Arbeit?
«Was ist denn los?», fragt sie den Chauffeur. «Warum fahren Sie nicht?»
«Immer mit der Ruhe», sagt der. «Der Tag läuft ihnen nicht davon!» Das hat ihr gerade noch gefehlt. Ein Hobby-Philosoph am Steuer.
Nicht genug, dass sie die halbe Nacht damit verbracht hat, ihre Präsentation vorzubereiten, nachdem der Termin vorverschoben wurde – nein, sie musste ausserdem eineinhalb Stunden früher als sonst aufstehen. So lange dauert es nun mal, um sich so herzurichten, wie man sich eine Geschäftsfrau vorstellt. Haare, Make-up, Kleider. Wenn ich ein Mann wäre, denkt sie, könnte ich mit Dreitagebart und Ringen unter den Augen antreten. Und statt «ungepflegt» würde man «kreativer Schub» denken. Vielleicht sogar: «heisse Nacht…?» Man würde mich bewundern.
Therese gibt den Fernsehserien die Schuld. Sie verändern das Bewusstsein. Wenn Kommissarinnen und Pathologinnen in zehn Zentimeter hohen Absätzen, knallengen Cocktailkleidern und perfekt geschminkt und frisiert Zehnstundentage hinlegen, dann hat Therese das auch zu tun. Sie und alle anderen Frauen. Nicht nur in ihrer Firma. Überall.
Wenn Therese Chefin wäre, würde die Zeit, die eine Frau braucht um sich herzurichten, als Arbeitszeit gelten. Als Überstunden abbuchbar…!
Therese ist aber nicht Chefin und sie weiss, wenn sie jetzt aussteigt und die letzten drei Stationen zu Fuss geht, wird sie sich Blasen laufen und nassgeschwitzte Achselhöhlen. Ganz zu schweigen von der Frisur, die sich im Wind sofort auflösen wird. Sie hat die Wahl: Ungepflegt wirken oder zu spät zur eigenen Präsentation erscheinen.
In diesem Moment fährt der Bus endlich an. Es gibt einen Gott der überforderten Frauen, denkt Therese, doch zu früh gefreut: Der Chauffeur bremst noch einmal und hilft einer Mutter mit Zwillingskinderwagen einzusteigen.
«Herrgott!», entfährt es Therese. Kann die nicht auf den nächsten Bus warten?
«So nicht, junge Frau», sagt der Chauffeur. Hat sie etwa laut gedacht? Die junge Mutter schaut Therese entgeistert an. Sie sieht so übernächtigt aus wie Therese sich fühlt.
«Sorry», sagt Therese. Sie drängt sich an der Frau vorbei, an dem Monster von Kinderwagen, sie hält ihre Präsentationsmappe hoch über den Kopf wie ein Schild und steigt aus. Es hat angefangen zu regnen.
Nimm es wie ein Mann, denkt Therese.

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