Und dann bin ich bei dir

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Im Tram? Checken wir Mails. Auf der Toilette? Checken wir Mails. Im Restaurant? Checken wir diskret unter der Tischkante Mails – sobald unser Gegenüber rasch aufs WC gegangen ist. Wo sie selbstverständlich ihre Mails checkt.

In der Sauna. Auf der Rolltreppe. Im Zahnärztinnenwartezimmer. Immer und überall schauen wir nach, ob in den letzten siebeneinhalb Minuten etwas Neues reingekommen ist. Väter im Eltern-Kind-Schwimmen checken ihre Mails – sei es nur, um ihrer Chefin mit einem prompten «Kläre ich gleich ab!» Geschäftigkeit zu signalisieren – und wickeln das Smartphone dann wieder in ein Frottiertuch am Beckenrand. Teilzeit arbeitende Mütter tun es an ihrem freien Vormittag auf dem Spielplatz. Rufen: «Nääi, Loris, han ich gsäit!», zum Sandkasten rüber und tippen ins Tablet: «Veranlasse ich umgehend.» Juniorpartner in der S-Bahn checken ihre Mails. Senior Vice Presidents in der Physiotherapie. Alle haben geschmunzelt über den Refrain «Muss nur noch kurz die Welt retten, einhundertachtundvierzig Mails checken, und dann bin ich bei dir …», trotzdem tun sie es alle: dauernd die Mails checken. Und antworten dann, nur, damit es nicht aussieht, als hätten sie blau gemacht, mit «Bin dran!», «Melde mich!», «Ist in Bearbeitung!», «Wird asap erledigt» und anderen sprachlichen Nulligkeiten mehr.

Als Letztes vor dem Einschlafen und als Erstes nach dem Erwachen checken wir unsere geschäftlichen Nachrichten. Tun wir es, weil wir uns dabei furchtbar wichtig vorkommen? Oder weil wir denken, es werde erwartet? Weil wir ahnen, dass der Vorgesetzte ebenfalls um 22.54 Uhr noch in seinen Mails ist und also sieht, dass wir fleissig waren? Dauert bestimmt nicht mehr lang, da erfindet jemand einen wasserfesten Screen, auf dass wir auch unter der Dusche Mails checken können. In der Badewanne tun wir es längst.

Wir sind allzeit bereit und nie bei der Sache. Wozu das führt? Zu Fehlern. Bei denjenigen, die hurtig antworten, sowieso. Und in den Agenturen, Ateliers und Werkstätten wird Unausgegorenes voreilig abgeschickt. Da war ich in so einem Komitee. Mailt die Grafikerin allen achtzehn Mitgliedern ein Flugblatt: «Hier schon mal der Entwurf für den Flyer, Feedback erbeten!» Und es war kein Entwurf, sondern der lausige Entwurf eines Entwurfs. Work in progress, wie man das nennt. Nicht mal mein Name war richtig geschrieben: «Benz» ohne Umlaut, dafür «Fridli» ohne ie. Ich maile zurück, an alle. Die siebzehn anderen mailen auch, es entsteht ein Chaos von einhundertvierundachtzig Mails.

Und zuletzt war mein Name auf dem Flugblatt natürlich falsch gedruckt.

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