Wied denkt strategisch.

Wied denkt strategisch

Am Sonntag feiert Wieds Mutter ihren 75. Geburtstag, und zwar exakt um 12.30 Uhr in ihrer Wohnung. Sie war ihr Leben lang eine militante Pünktlichkeitsfanatikerin, aber Wied weiss jetzt schon, dass er zu spät kommen wird. Denn exakt an diesem Sonntag ist Phillip Escher in der Stadt, der Chef-Einkäufer der grössten Buchhandels-Kette des Landes. Er hält Hof im Café Einstein, und Wied, als Vertriebschef des J. Koch-Verlags kann Eschers Einladung zum Mittagessen nicht ausschlagen. “Wied, ich weiss, Sie hassen Escher”, hat seine Chefin Schneider gesagt, “aber Sie gehen da hin und machen notfalls einen Handstand, falls Escher das von Ihnen verlangt, notfalls in der Badehose, falls er dies wünscht!” Wied weiss ja selbst, was auf dem Spiel steht: Ohne Escher läuft auf dem deutschen Buchmarkt nichts mehr. Wenn Escher beschliesst, die Bücher eines Verlags nicht einzukaufen, kann dieser Verlag die Pforten schliessen. Natürlich hat Escher auch die Vertriebchefs zweier anderer Verlage eingeladen. Es wird ein Gemetzel geben! Die drei Vertriebschefs werden mit Artillerie um den begrenzten Platz auf den Büchertischen der Buchhandelskette kämpfen. Wied wird versuchen, den Neuerscheinungen der Konkurrenz das kommerzielle Potenzial abzusprechen. “Die neuen Bücher Ihres Verlags, werter Kollege”, wird er zu einem der anderen Vertriebschefs sagen, “sind Perlen! Hochliterarisch! Wahnsinnig anspruchsvoll!” Escher wird dann wissen: Es sind unverkäufliche Bücher, viel zu literarisch, viel zu anspruchsvoll. Allerdings wird der werte Kollege vermutlich zurückschiessen: “Wied, wie man hört, soll Ihre neue Marketingstrategie sich ganz auf den Verkauf in kleinen, unabhängigen Quartierbuchhandlungen konzentrieren?” “Wer sagt denn so etwas! Nein”, wird Wied rufen, “im Gegenteil, wir planen, alle unsere Bücher nur noch in Ihren Filialen anzubieten, falls Sie uns denn die Möglichkeit dazu geben, lieber Herr Escher.” Jedenfalls wird das Treffen lange dauern, wie alle Kriege, und da das Meeting um 11.30 Uhr beginnt, wird Wied frühestens um eins bei seiner Mutter eintreffen. Das wir übel ausgehen. Als er letztes Mal zu spät kam, schrie seine Mutter: “Wenn ich dich nicht pünktlich um 9.34 Uhr geboren hätte, wärst du zu spät auf die Welt gekommen!” Das meinte sie ernst. Sie meint alles ernst, das mit Unpünktlichkeit zu tun hat. Sie nahm es seinem Vater sogar übel, dass er nicht, wie die Ärzte prognostiziert hatten, nur noch acht Monate lebte sondern vierzehn. Aus ihrer Sicht starb er unpünktlich. Wied überlegt sich jetzt, wie er seine Mutter dazu bringen kann, ihm am Sonntag die Verspätung zu verzeihen. Er könnte doch beim Bäcker ihre Lieblingstorte, eine Schwarzwälder, in Auftrag geben, auf der ihr Name in Goldbuchstaben steht und die Alterszahl. Super! Aber das muss jetzt schnell gehen, denn er hat gleich einen Termin bei der Chefin, oh mein Gott: In einer Minute muss er schon bei ihr sein! Wied ruft sofort den Bäcker an und sagt: “Und schreiben Sie golden drauf, und dahinter eine grosse 95 aus Marzipan. Danke und Tschüs.”

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