Wied geht aus.

Wied geht aus

Wied steht an der Frankfurter Buchmesse am Stand des J. Koch-Verlags, dessen Vertriebschef er ist, und er redet mit Buchhändlern, die alle über sinkende Umsätze jammern, mit Literaturkritikern, die sich toll finden, mit Vertriebschefs anderer Verlage, die alle jammern, mit Autoren, die sich toll finden, mit seiner Chefin Rita Schneider, die ein schreckliches Kleid trägt, mit seinem Vize Bachmann, der zum Glück keine Ambitionen auf den Chefposten im Vertrieb hat, mit Verlags-Voluntärinnen, die nicht richtig hübsch sind, und am Ende des Messetags, weil er so müde ist, redet er mit sich selbst. Er liegt in seinem klimatisierten Hotelzimmer im Bett, und die kleinen Lämpchen leuchten, überall Lämpchen, am Fernseher, am Radio, am Schalter der Klimaanlage, und Wied sagt zu sich selbst: “Ich muss zur Ruhe kommen, ich muss abschalten, so kann es nicht weitergehen, und was ist das jetzt wieder für ein Lämpchen da oben? Wieso muss da an der Decke ein Lämpchen blinken? Wieso bauen die nicht gleich in die Kissen Lämpchen ein? Für wen sind eigentlich diese Hotelzimmer gemacht, für Menschen oder für Lämpchen?” Er müsste mal wieder im Garten arbeiten, jetzt haben Sandra, seine Frau, und er doch extra ein Häuschen gekauft mit Garten, damit er mal abschalten kann bei der Gartenarbeit, aber der Buchmarkt ist so hart geworden, dass Wied nicht mal dazu kommt, endlich Maulwurfsfallen zu kaufen, zum Glück ist Sandra abends immer so müde vom Power-Yoga, dass sie gar nicht merkt, dass er wieder erst um zehn aus dem Büro gekommen ist, aber so kann es nicht … In diesem Moment ruft die Schneider ihn an, aus einer lärmigen Kneipe, und sie sagt: “Wied! Wo stecken Sie denn! Wir sind alle in der Lola Bar. Ich würde gern in ungezwungener Atmosphäre mit Ihnen über die Quartalszahlen im Bereich Sachbuch sprechen. Können Sie in zehn Minuten hier sein?” So ist das auf Buchmessen: Nachts um elf wird in ungezwungener Atmosphäre über Verkaufszahlen gesprochen. Also zieht Wied sich wieder an, fährt im Taxi in die Lola Bar, wo er die Schneider mit seinem Vize Bachmann zu „Ah, ah, ah, ah stayin’ alive“ tanzen sieht. Er fragt sich, ob Bachmann nicht vielleicht doch Ambitionen hat. Danach lädt die Schneider die ganze Verlagsbelegschaft noch ins Dino’s ein, wo sie Wied wegen der lauten Musik ins Ohr schreit: “Wir brauchen überzeugendere Marketingstrategien für unsere Sachbuchreihe, Wied! Die Verkaufszahlen sind noch gar nicht befriedigend!” “Ich werde am Wochenende”, schreit Wied zurück, “ein neues Konzept erarbeiten! Dann kaufe ich die Maulwurfsfallen eben am übernächsten Samstag!” “Die was?!”, schreit die Schneider. “Maulwurfsfallen!”, schreit Wied, und danach fasst er sich ein Herz und bittet die Schneider zum Tanz. Er ist ein schlechter Tänzer, aber es läuft gerade „Smoke on the water“, und zu diesem Lied hat er einmal mit fünfzehn getanzt, er sollte es also noch können. Aber mit fünfzehn war er nicht so überarbeitet und erschöpft wie jetzt, mit fünfzehn rutschte er nicht aus und verstauchte sich den Knöchel so richtig gründlich.

 

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