Wied liegt wach.

Wied liegt wach.

Moritz Wied liegt um zwei Uhr nachts neben seiner Frau Sandra wach und fragt sich, ob er nach Kanada auswandern soll. Einfach aus der Buchbranche aussteigen und Braunbären jagen. Oder füttern. Lieber füttern. Aber ist das nicht gefährlich? Fressen die nicht mit dem Futter auch gleich die Hand? Nein, doch nicht füttern. Bären jagen anstatt Bücher verkaufen. Oder besser: Anstatt Bücher nicht mehr verkaufen. Wied ist Vertriebschef des J. Koch-Verlags, und sein Jahresabschluss sieht rot aus. Er hat die Zahlen gestern noch ein bisschen frisiert, gemäss den Tipps aus dem Ratgeberbuch „Am Rande der Legalität“. Morgen muss er den Abschluss seiner Chefin Schneider vorlegen, die ohnehin schon schlecht gelaunt ist, denn ihr Lieblingsautor Hasenbeck hat kürzlich erklärt, er gebe das Schreiben auf und fahre von nun an Taxi. Wied hingegen ist froh, dass Hasenbeck weg ist: Er hat eh nur Verluste gemacht mit dessen bluttriefenden Liebesromanen, die beim Zielpublikum – Frauen zwischen 9 und 99 – überhaupt nicht ankamen. Überhaupt diese Autoren! Wie soll Wied denn den Verlag in die schwarzen Zahlen bringen, wenn der Programmchef dauernd Liebesromane von Autoren ins Programm aufnimmt, die früher Horror-Romane schrieben? “Der Markt verlangt Liebesromane!”, sagt der Programmchef immer, und Wied sagt dann jeweils: “Ja, aber keine, in denen sich die Liebespaare auf der ersten Seite zersägen!” Wied liegt schon die nächste Saison auf dem Magen: Vorgestern hat der Programmchef die neuen Bücher vorgestellt, und Wied weiss einfach nicht, wie er das Zeug auf dem Buchmarkt erfolgreich verwursten soll. Es ist ein Liebesroman dabei, in dem eine Putzfrau, nachdem ihre Familie bei einem Vulkanausbruch umgekommen ist, sich in einen Tuareg verliebt, der nach dem Tod seiner Familie bei einem Sandsturm illegal in der Schweiz in einem Tierpark lebt, und so geht das vierhundert Seiten weiter, und am Schluss zersägen sich die Liebenden gegenseitig. Ausserdem enthält das neue Programm zwei Krimis, in deren Titel der Name des Täters vorkommt und einen – Achtung, bitte zuerst hinsetzen! – Gedichtband! Aber so läuft das beim J. Koch-Verlag: Der Programmchef darf seinen kuriosen literarischen Vorlieben freien Lauf lassen, und Wied muss das unverkäufliche Zeug dann irgendwie dem Kunden andrehen, sonst bekommt er von der Chefin wieder zu hören: “Mein lieber Wied, also nächstes Jahr muss was laufen!” Kein Wunder, dass er seit Wochen an Schlafstörungen leidet. Und Sandra neben ihm schnarcht selig! Letzte Woche sagte sie: “Immer bist du nervös und angespannt, und am Wochenende beantwortest du zweihundert Mails! Eine Beziehung stelle ich mir anders vor!” “Dann kauf dir einen Liebesroman”, sagte Wied, “aber keinen von unserem Verlag, sonst zersägst du mich noch.” Jetzt will sie eine Paartherapie, aber dafür hat er keine Zeit. Verdammt, er muss schlafen! Morgen ist die Präsentation des Jahresabschlusses! Und es macht sich nicht gut, wenn man einschläft, während die Chefin in einem Meeting sagt: “Ich erwarte jetzt von allen vollen Einsatz!”

 

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