Wied reagiert.

Wied reagiert

Wied ist das Schlimmste passiert, das dem Vertriebschef eines Verlags passieren kann: Ein Roman des neuen Verlagsprogramms ist unerwartet zum Beststeller geworden. Vor einer Woche hat Wied zu seinem Vize Bachmann über den Roman noch gesagt: “Dieses Buch ist nicht nur hundslausig schlecht geschrieben sondern auch so hirntötend langweilig, dass wir eine Fünfzigernote aufs Cover kleben müssen, damit die Leute es kaufen!” Aber dann wurde das Buch von der berühmtesten Literaturkritikerin des Landes im Fernsehen frenetisch bejubelt. Sie sagte, es sei “nicht nur brillant geschrieben, sondern auch nervenzerreissend spannend!” Als Wied das sah, brach ihm der kalte Schweiss aus, denn er hatte entgegen der Empfehlung des Programmchefs nur 2.000 und nicht 20.000 drucken lassen. Jetzt rennen die Buchhändler Wied die Tür ein, sie bestellen wie verrückt, und er hat nichts! Er muss erst nachdrucken lassen! Das dauert drei Wochen! Heute hat ihn zuerst der Autor angerufen: “Wied, wollen Sie mich umbringen!? Die Leute sehnen sich nach meinem Buch und kriegen es nicht! Warum tun Sie mir das an, warum, Wied?!” Danach stand Rita Schneider, die Verlagschefin, kopfschüttelnd in Wieds Büro: “Wied”, sagte sie, “wollen Sie uns alle ruinieren? Jetzt, wo wir endlich einen Seller haben, können Sie nicht liefern. Was sind Sie nur für ein Mensch!” Der Programmchef schickte nur eine Mail: “Wir WAREN Freunde.” Aber Wied wäre nicht Wied, wenn er nicht in äusserster Not immer eine Idee hätte: Diesmal heisst sie Turkmenistan. In Turkmenistan gibt es eine Druckerei, die ihm versprochen hat, die 20.000 Bücher binnen einer Woche zu liefern. Allerdings wollen sie unbedingt zuerst persönlich mit ihm Kefir trinken und verhandeln, bevor sie einen Finger rühren. Als Wied im Taxi zum Flughafen fährt, ruft ihn Sandra an, seine Frau und fragt, wie es ihm geht. “Gut, gut, gut”, sagt er. “Wirkt das Aspirin? Ist das Fieber gesunken?”, fragt sie. Ach ja, er ist krank, das hat Wied ganz vergessen. Er legt sich die Hand auf die Stirn: Heiss. Aber für Fieber hat er jetzt keine Zeit! “Und du weisst”, sagt Sandra, “morgen ist Samstag, da kommen die Reuters zum Essen.” “Absagen!”, sagt Wied und legt auf. Im Flugzeug explodiert ihm nach dem Start fast der Kopf, weil seine Stirnhöhle vereitert ist, und als der Kapitän sagt: “Ich begrüsse Sie zu unserem Flug nach Taschkent, das Wetter ist gut, unsere Laune auch!”, merkt Wied, dass er in der Hektik den falschen Flug gebucht hat, denn Taschkent ist Usbekistan, nicht Turkmenistan. Wied verlangt bei der Bordhostess eine Kursänderung, und als sie dies freundlich ablehnt, verlangt er den Kapitän zu sprechen, und als sie dies noch freundlicher ablehnt, bekommt er eine Kreislaufkrise. Er verbringt das Wochenende in einem fragwürdigen Hospital in Taschkent. Auf dem Rückflug nach Zürich liest er in der F.A.Z. eine vernichtende Kritik des besagten Buches, es sei nicht nur erbärmlich schlecht geschrieben, sondern auch todlangweilig. Wied atmet auf.

Hinweis:

Lesung und Vernissage Kolumnen-Buch 2
Donnerstag, 17. November, 18-21 Uhr
Hier klicken und anmelden

(Platzzahl beschränkt)

 

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