Zurück zur Natur

Zurück zur Natur

Gruber ruft mich an, und er unterbricht mich, als ich mich über die frühe Samstagsstunde, zu der er das tut, beschweren will: Er ist im Krankenhaus, er liegt da, frisch operiert, ich soll ihn besuchen, er braucht Ansprache.

„Was ist denn passiert, um Himmelswillen?“

„Das erzähl ich dir, wenn du an meinem Bett sitzt.“

Einzelzimmer natürlich, Gruber ist gut versichert, aber er lebt halt auch riskant. Ich hab ihm eine Flasche teuren Vitaminsaft mitgebracht, und ein Buch, das er vermutlich nicht lesen wird.

Also, es war so: Gruber hatte sich die Idee, mit seinen Mitarbeitern ein Wochenende in den Bergen zu verbringen, nicht ausreden lassen, also waren sie losgefahren, Freitag früh, und hatten eine dreitägige Wanderung begonnen, mit dem Plan, zwei Nächte in schönen Berghütten zu verbringen. Der Plan wurde bereits Freitagmittag revidiert, als Gruber, der natürlich zügigen Schritts voraus marschiert war, einen herrlich sprudelnden Bergbach erreichte, an dessen Ufer die Luxus-Wanderschuhe auszog und die Hosen hochkrempelte, um seinen Mitarbeitern seine Naturverbundenheit zu demonstrieren: Er, der sonst so urbane Gruber, war doch in seinem Inneren auch ein Naturbursche, tief in ihm verborgen steckten die Skills, um in der wilden, alpinen Natur zu überleben, in seinen Genpool gelaicht von Vorfahren, die einst in ihren Bergbauernhöfen das Heu von steilen Wiesen geholt hatten. Oder so. Diese Talente trachtete Gruber den elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorzuführen, die er zum einenden Naturerlebnis verdonnert hatte, also stieg er barfuss und entschlossen in das eiskalte Quellwasser. Leider langte in dem Moment mit lautem Glong ein dringendes SMS in Grubers Handy ein, und beim Antwort-Tippen rutschte Gruber auf einem Stein aus, verknöchelte sich, stürzte samt Smartphone ins Bachbett, wurde von seinen Mitarbeitern geborgen und zur nächsten, zum Glück nur noch einen Kilometer entfernten Berghütte getragen, von wo Gruber dann von der Bergrettung abgeholt und ins Tal transportiert wurde. Grubers Knöchel ist an drei Stellen gebrochen und musste mit acht verschiedenen Metallteilen repariert werden: Schrauben, Platten, Haken, Gruber zeigt es mir auf dem Röntgenbild.

„Eine schöne Handwerksarbeit bist du jetzt“, sage ich. „Deine bergbäuerlichen Vorfahren hätten Freude an dir. Aber immerhin: Deine Mitarbeiter hatten ein tolles, identitätssstiftendes Gemeinschaftserlebnis, als sie dich mitsammen durch die Berge schleppten.“

„Eben“, sagt Gruber, „sagte ich doch.“

 

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