Freizeit ist immer mehr Arbeit

Störgeräusche

Von Bänz Friedli

 

„Himmel, ich bin keine Maschine“, sage ich und bestelle noch eine Stange. „Doch, natürlich bist du das“, entgegnet Huber. „Genau das sind wir: Maschinen. Du läufst und läufst, verrichtest deinen Dienst... “ – „Bin aber nicht mehr das neueste Modell.“ – „Eben. Allmählich gibts Abnützungsschäden, Kratzer, aber noch läuft die Maschine.“ – „Wie meinst du, Abnützung?“, will ich wissen. „Schau dich an!“, sagt Huber und wird verschwörerisch leise, „da war doch diese Sache mit deinen Augen? Sagtest du nicht, du nimmst Medis? Und... Will dir ja nicht nahetreten, aber vorigen Sonntag im Match gegen Goldstern... “ – „Ach, komm!“, entfährt mir, „war halt nicht mein Tag. Und du hast auch nicht viel besser gespielt.“

Huber macht eine abwertende Handbewegung. „Ja, ja, alte ratternde Maschinen, das sind wir.“ – „Wenn, dann sind wir schlecht konstruiert“, finde ich, „Maschinen voller Schwachstellen. Nur schon mein Rücken …“ – „Die Schwachstelle liegt eher im Gebrauch“, meint er. „Schliesslich hat der Herrgott den Menschen nicht dafür konzipiert, stundenlang am Schreibtisch zu hocken, dann hurtig ins Fitness zu stressen, dort die Arbeit mit anderen Mitteln fortzusetzen, Gewichte zu stemmen, auf dass der Nacken noch verspannter werde... Und sich dann schon wieder über irgendwelche Displays zu beugen.“ Er redet sich in Rage. „Wenn man eine Maschine immerzu auf Hochtouren laufen lässt, gibts irgendwann Störgeräusche. Ein Sirren, ein Scheppern... Bis sie schliesslich den Dienst ganz versagt. So komme ich mir vor“, sagt er und trinkt sein Glas leer.

„Vielleicht solltest du... “, will ich einwerfen, doch Huber hört nur noch sich selbst. „Immerzu packen wir bedenkenlos noch diese Aufgabe obendrauf und noch jene... Hast ja mitbekommen, was der Siegler gesagt hat: Jetzt mit dem starken Franken, da müsse man halt bereit sein, der Firma etwas zu opfern. ‹Sondereffort› nennt er das, ‹Flexibilität›. Mal länger bleiben, mal samstags antreten, mal von daheim aus... Man muss ja froh sein, wenn man noch einen Job hat. Werner hat Kurzarbeit, den Tadic hats ganz rausgespickt.“

„Noch ein Bier?“, frage ich. Huber lehnt ab: „Mir wird schon ob dem ersten schwindlig. Weisst du, zuerst war da dieser Pfeifton im Ohr, immer öfter. Am Ende ging er gar nicht mehr weg. Ein Hörsturz, sagt die Ärztin, damit müsse ich leben. Der Stress, die Dauerbelastung. Das Schlimmste sind die Nächte: Du liegst endlich da, und das, wonach du dich am meisten sehnst, die Stille – genau das hältst du im Kopf nicht aus. Weil es ist nicht still. Es pfeift. Immer.“ – „Und was tust du dagegen?“ – „Viel arbeiten, halt. Besonders auch nachts.“

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