Freizeit ist immer mehr Arbeit

Materialtest

Von Linus Reichlin

 

„Wie viele Stunden pro Woche arbeiten Sie?“, fragte Doktor Häberle. Ich knöpfte mein Hemd zu und fragte: „Warum? Ist etwas mit meinem EKG nicht in Ordnung?“ Doktor Häberle sagte, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden: „Oder anders gefragt: Wenn Sie zuhause sind, am Feierabend – können Sie sich dann entspannen?“ „Klar“, sagte ich.

Die Wahrheit ist: Nein. Aber nur Narren sagen ihren Ärzten die Wahrheit! Ausserdem macht es mir nichts aus, mich nicht entspannen zu können. Ich entspanne mich gern nicht. Oder anders gesagt: Ich fühle mich gar nicht mal so gut, wenn ich mich entspanne. Ich fühle mich dann eher schlapp, nutzlos, wie ein Lappen, der über dem Spülbecken hängt. Da bleibe ich lieber angespannt. „Ich kann mich total gut entspannen“, sagte ich, „aber warum fragen Sie? Sieht man das auf dem EKG nicht?“ „Nein, das sieht man da nicht“, sagte Doktor Häberle. Aber Genaueres könne er erst nach einem Belastungs-EKG sagen. Er bat mich, bei seiner Praxisgehilfin einen Termin zu vereinbaren. „Am besten gleich nächste Woche“, sagte er.

Die Dringlichkeit beunruhigte mich ein wenig. Aber nächste Woche hatte ich keine Zeit, alles vollgestopft mit Terminen. „Dann übernächste Woche am Donnerstag?“, fragte die Praxisgehilfin. „Geht leider auch nicht“, sagte ich. Übernächste Woche war ich in Tokio, mit Wuttke. Davor graute mir jetzt schon: Eine fünftägige Geschäftsreise mit Wuttke! Danach Los Angeles, ohne Wuttke immerhin, danach Messe in Brüssel, danach dieses, danach jenes. Für das Belastungs-EKG blieb als nächstmöglicher Termin nur der 24. Juni, das war in sieben Wochen.

„Alles in Ordnung“, sagte ich zu Ruth, als ich nach Hause kam, „Doktor Häberle sagte, ich hätte ein Herz wie ein Zwanzigjähriger.“ Nur Narren sagen ihren Frauen die Wahrheit! „Und was meint er zu deinen Schmerzen in der Brust?“, fragte sie. Ich hatte leider den Fehler gemacht, ihr davon zu erzählen. „Er riet mir dazu, Sport zu treiben“, sagte ich, und um Ruth zu beruhigen, suchte ich im Keller meine alten Joggingschuhe und rannte nach den Abendessen ein paar Mal ums Haus.

Bei der zweiten Runde rief mein Chef Benz mich an. „Warum schnaufen Sie denn so?“, fragte er, und ich sagte: „Bin gerade beim Joggen. Aber es ist gut“, sagte ich und atmete tief ein, „dass Sie anrufen. Man soll ja nur so schnell“, sagte ich und japste nach Luft, „joggen, dass man dabei noch sprechen kann.“ „Na, dann sprechen Sie mal! Sagen Sie einfach Ja“, sagte Benz, „wenn ich Sie jetzt bitte, Ihren Bericht über die Vorverhandlungen mit Tokio bis morgen, zehn Uhr, fertigzustellen. Bei einem Ja verbrauchen Sie weniger Luft als bei einem Nein. Denn ein Ja ist nicht erklärungsbedürftig.“ „Ja!“, hauchte ich und rannte so schnell Herz und Lunge es erlaubten nach Hause zurück, denn zehn Uhr bedeutete: Ich musste sofort … sofort mit dem Bericht … und dann halt nötigenfalls die Nacht durch … einatmen, tief einatmen … die Nacht durcharbeiten … und einatmen bis zum Anschlag, bis nichts mehr in die Lunge geht … bis man merkt: Wenn man so weitermacht, kommt es zur Materialermüdung. Und das Material war ich. 

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