Freizeit ist immer mehr Arbeit

Matsuda kommt

Von Linus Reichlin

 

Um drei Uhr nachts klingelte mein Handy, ich hatte vergessen, es stummzuschalten. „Lüg nicht!“, sagte Ruth später, als ich behauptete, ich hätte vergessen, es stummzuschalten.

Also gut: Ich hatte das Handy, als wir uns schlafen legten, bewusst nicht stummgeschaltet, weil ich damit rechnete, dass Benz mich aus Los Angeles anrufen würde wegen Herrn Matsuda.

„Sind Sie krank“, fragte Benz, „Sie klingen irgendwie erkältet.“ „Nein, mir geht es bestens“, sagte ich, „ich habe nur ein bisschen geschlafen. Hier bei uns ist es nämlich jetzt 3.00 Uhr nachts.“ „So? Nun gut, aber hier in Los Angeles ist es erst 20.00 Uhr“, sagte Benz vorwurfsvoll. Er sagte nicht: „Und ich darf ja wohl erwarten, dass meine Mitarbeiter um 20.00 Uhr noch wach sind.“ Aber er dachte es. 

„Matsuda kommt jetzt übrigens am Sonntag an“, sagte er, „12.45 Uhr, mit der Maschine aus London. Deshalb rufe ich an. Holen Sie ihn am Flughafen ab, zeigen Sie ihm Zürich, gehen Sie mit ihm essen, aber nicht japanisch, er will Geschnetzeltes.“ Sonntag? Aber am Sonntag konnte ich nicht!
 
„Am Sonntag hat dein Sohn Geburtstag!“, sagte Ruth. „Dein Sohn Max“, sagte sie, „falls du seinen Namen vergessen hast. Max heisst er.“ „Ja, ich weiss“, sagte ich. Ich erklärte ihr, dass Matsudas Sekretärin immer von Dienstag gesprochen hatte, wir hatten seine Ankunft am Dienstag erwartet.

„Wenn Sie am Sonntag nicht können“, sagte Benz, „ist das kein Problem. Dann kann Wuttke das machen. Der hat keine Kinder. Ich rufe ihn gleich an.“ „Nein!“, rief ich, in meinem Bett sitzend: Nicht Wuttke! „Nein, ich kriege das schon irgendwie hin!“, sagte ich und versuchte, wieder einzuschlafen, mit Betonung auf versuchte. 

Am nächsten Morgen versprach ich Max, ihm einen Hund zu schenken, und als er mir um den Hals fiel, sagte ich: „Aber ich kann leider an deinem Geburtstagsfest nicht dabei sein. Dafür hast du ja dann aber endlich einen Hund. Du hast dir doch immer einen gewünscht!“ „Ein Hund kommt mir nicht ins Haus! Schon gar nicht als Bestechungsgeschenk!“, sagte Ruth, und Max begann zu weinen, nur musste ich jetzt dringend ins Büro, um die Unterlagen für Matsuda vorzubereiten. 

Im Büro hockte leider Wuttke, ich sagte: „Es ist Samstag! Was machen Sie an einem Samstag im Büro? Haben Sie keine Freunde?“ Er sagte, er bereite sich auf die Verhandlungen mit Matsuda vor, ich sagte: „Das fällt in meine Kompetenz! Gehen Sie nach Hause! Kümmern Sie sich um Ihre Kinder!“ Er sagte, er habe keine Kinder. „Aber du hast eins!“, sagte Ruth, die mich von zu Hause aus anrief, wegen des Fussballspiels. 

Das hatte ich ganz vergessen: Max hatte ja heute ein Match, also raffte ich die Unterlagen zusammen und fuhr zum Fussballplatz, nein, ich raste, denn das Spiel hatte schon begonnen, und plötzlich rannte dieser kleine Hund auf die Strasse. Wenigstens war er sofort tot und musste nicht leiden. 

Als ich auf dem Polizeiposten auf meine Befragung wartete, rief Benz an und sagte, er habe sich geirrt, Matsuda komme doch erst am Dienstag. Er wünschte mir ein erholsames Wochenende.

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