Freizeit ist immer mehr Arbeit

Ferienstress

Von Michèle Roten

 

Ein Paar am Strand, Liegestuhl, Cuba libre, Loungemusik.

Er: (schaut auf sein Handy) Oh nein. 
Sie: Was ist? 
Er: Chef ruft an. 
Sie: Du nimmst dein Handy mit an den Strand? 
Er: Können wir das nachher diskutieren? Was mach ich denn jetzt? 
Sie: Nichts!
Er: Aber er weiss ja, dass ich in den Ferien bin...
Sie: Ja, eben!
Er: Dann muss es doch dringend sein!
Sie: Scheissegal! Könnte ja auch sein, dass du an einem Ort bist, wo es keinen Empfang hat! Dann könntest du auch nicht rangehen!
Er: Aber ich hab nun mal Empfang!
Sie: Dann geh halt ran. Wenn du dein Handy mitnimmst, dann musst du auch damit rechnen, dass es klingelt. 
Er: (legt das Handy weg) Zu spät.
Sie: Wenn es wichtig ist, wird er auf die Combox sprechen. Und ausserdem: Warum nimmst du denn dein Handy mit an den Strand!
Er: Du hast deins doch auch dabei! 
Sie: Das ist aber was anderes. 
Er: Aha und warum? 
Sie: Ich bin in einer Führungsposition. 
Er:  ...? 
Sie: Ich bin halt... das klingt jetzt doof, aber... ein bisschen wichtiger als du? 
Er: Bitte was? 
Sie: Lassen wir das Thema. 
Er: Und wenn ich so unwichtig bin, warum ruft mich mein Chef dann an, obwohl ich in den Ferien bin? 
Sie: Ich mach das bei meinen Leuten manchmal auch einfach, um zu sehen, ob sie rangehen würden. 
Er: Was??
Sie: So sieht man, wer wirklich ready und eager...   
Er: (fällt ihr ins Wort) Und du sagst mir, ich solle nicht rangehen?!
Sie: Ach komm, Schatz. Du bist ein toller Angestellter. Immerhin nimmst du dein Handy mit an den Strand! In den Flitterwochen!
Er: Und woher soll das mein Chef wissen, wenn ich nicht rangehe?
Sie: Hm, stimmt.
Er: (beim Weggehen, leise) Und so was wird befördert.
Sie: (ruft ihm nach) Ich bin halt ohne zu zögern immer rangegangen!

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