Freizeit ist immer mehr Arbeit

Homeoffice

Von Michèle Roten

 

Der Chef: Patrizia?
Die Sekretärin: (Aus dem Raum nebenan) Ja?
Der Chef: Komm mal, bitte.
Die Sekretärin: (inzwischen im Raum) Schon da.
Der Chef: Eben war ja Monika hier.
Die Sekretärin: Ja, worum gings?
Der Chef: Ich hab sie gefragt, ob es ihr gesundheitlich gut geht. Weil sie so oft Homeoffice macht in letzter Zeit.
Die Sekretärin: Und? 
Der Chef: Sie wollte nicht recht rausrücken mit der Sprache. Und jetzt bin ich so schlau wie vorher. Weißt du was? 
Die Sekretärin: Nein
Der Chef: Ich hab auch schon ein paar Mal bei ihr auf dem Festnetz angerufen und da ging sie nicht ran... von wegen „Home“-Office. 
Die Sekretärin: Aber irgendwie machts doch Sinn, dass sie nicht rangeht... von den Kunden hat ja niemand ihre Festnetznummer. Die werden ja aufs Handy umgeleitet.
Der Chef: Na gut, aber trotzdem. Wenn man zuhause ist und das Telefon klingelt, dann geht man doch ran, oder nicht?
Die Sekretärin: Vielleicht ja eben gerade nicht. Weil das nur privat sein kann und sie ist doch am Arbeiten? Geht sie denn ran, wenn du aufs Handy anrufst? 
Der Chef: Ja klar, aber da steht dann ja auch, dass ich es bin.
Die Sekretärin: Ich würd mal davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist bei ihr. 
Der Chef: Ganz unter uns? Ich könnt mir ja auch vorstellen, dass sie sich künstlich befruchten lässt. 
Die Sekretärin: ... ähm...
Der Chef: Du nicht? Das würde auch die Gewichtszunahme erklären.
Die Sekretärin: ... das finde ich jetzt etwas privat...
Der Chef: Sie ist ja immer noch single, oder? Ich meine, in ihrem Alter... Seid ihr eigentlich befreundet auf Facebook? 
Die Sekretärin: Nein, warum? 
Der Chef: Nur so. Warum denn nicht?
Die Sekretärin: ... also, ich...
Der Chef: Schon gut, geht mich ja auch nichts an.
Die Sekretärin: Brauchst du noch was von mir?
Der Chef: Du würdest es mir sagen, wenn du etwas hörst?
Die Sekretärin: Bist du denn unzufrieden mit ihrer Arbeit? Lässt sie's schleifen?
Der Chef: Nein, alles gut. Siehst du, das ist so gefährlich: kaum sagt man Homeoffice, denken alle, das sei ein anderer Ausdruck für schwänzen. 
Die Sekretärin: Moment, DU hast doch...
Der Chef: Homeoffice hat viel mit Vertrauen zu tun. Und mit Respekt. Man sollte immer das Beste denken, nicht schon Betrug wittern. 
Die Sekretärin: Ja, eben, dann...
Der Chef: Und für Stutenbissigkeit ist schon gar keinen Platz in einem Büro.
Die Sekretärin: Aber ich...
Der Chef: Das war dann alles, danke.
 

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