Freizeit ist immer mehr Arbeit

Amanda

Von Milena Moser

 

38er Bus, Mittwoch, 11.20

„Sorry, sorry, sorry!“ Amanda lächelt entschuldigend nach rechts und links, gleichzeitig ärgert sie sich über sich selber. Warum entschuldigt sie sich ständig? Sie trägt ihre Yogamatte an zwei Riemen über der Schulter, dazu zwei Umhängetaschen mit Kleidern zum Wechseln, Duftkerzen, Augenkissen...

„Yoga? Sollte ich auch mal versuchen!“ Der Buschauffeur wartet, bis sie das Geld für das Billett abgezählt hat. 

Die Münzen fallen auf den Boden, sie bückt sich, die Yogamatte knallt dem nächsten Passagier in die Seite. „Scheisse!“, entfährt es Amanda und gleich wieder: „Sorry, sorry, sorry!“

„Soll ja sehr entspannend sein...“ Macht er sich lustig über sie? Sie ist keine gute Werbung für ihren Beruf. Aber ihr Beruf ist ja auch nicht, was sie erwartet hat. Sie erinnert sich an das Hochgefühl, als sie ihren Job in der Bank kündigte, ihre Pensionskasse einlöste und sich zur Yogalehrerin ausbilden liess. Nie mehr Kopfweh, nie mehr Stress! 

Haha. Amanda weiss nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen soll. Es gibt einfach schon zu viele Yogalehrerinnen, zu viele Yogastudios. Und wie sie es mit dem Bus rechtzeitig von einer Grossbank zur nächsten Versicherungsgesellschaft schaffen soll? „Yoga über Mittag“ ist zum Glück ein dehnbarer Begriff. 

„Versuch es mit Corporate Yoga“, hatte eine Kollegin geraten. Der neueste Trend aus Amerika. Oder China? In China üben die Angestellten seit eh und je Chi Gong auf dem Firmengelände. Das steigert die Produktionsfähigkeit. 

„Darum geht es uns nicht“, hatte ihr einer dieser HR-Typen beim Einstellungsgespräch versichert. „Wir denken nur an das Wohlergehen unserer Mitarbeiter. Wir sind wie eine grosse Familie.“ 

Das hat Amanda sofort gemerkt. Eine Familie wie ihre eigene: Inklusive Missgunst und Konkurrenzdenken. Wer hält es am längsten im herabschauenden Hund aus? Wer legt die meisten Chatturanga Dandasanas hin? Unruhig flitzen die Blicke hin und her. Es wird verglichen und verrechnet. Selbst in der Entspannungsmeditation am Ende der Stunde traut sich niemand, die Augen zu schliessen. Wer wird als erster aufstehen? Sie können die Stunde nicht schnell genug verlassen. Anfangs hat Amanda es persönlich genommen. Sie hat eine der jüngeren Frauen darauf angesprochen. 

„Ach nein, das hat nichts mit dir zu tun“, hat diese gesagt. „Es ist nur...“, verstohlen schaute sie über die Schulter. „Es ist nur... Entspannung auf Befehl, verstehst du...?“ Die Teilnahme an der Yogastunde ist nur scheinbar freiwillig. Die Entspannung steht im Pflichtenheft.

Amanda versteht. Es ist, als hätte sie diese Welt nie verlassen. 

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