Freizeit ist immer mehr Arbeit

Roger

Von Milena Moser

 

38er Bus, Montag, 07.20. 

An der Haltestelle Schulhausstrasse steigen sie alle aus, all die jungen Leute mit ihren Rucksäcken und Rollkoffern und Ohrstöpseln. Seit wann ziehen Mittelschüler ganze Koffer voller Bücher und Hefte hinter sich her, fragt sich Roger. Er selber hatte damals einen Biker Bag locker über die Schulter geschlungen. Einen halbleeren Biker Bag erst noch. Er schüttelt die Erinnerung ab, sie macht ihn alt und er fühlt sich heute schon alt genug.

Roger lässt sich auf einen frei gewordenen Platz sinken. Unwillkürlich stöhnt er auf, seine Oberschenkelmuskeln brennen. Er hält sich am Geländer fest, lässt sich Millimeter für Millimeter in den Sitz sinken. Wie ein alter Mann, denkt er. 

„Geht’s?“, fragt der Chauffeur. Er zwinkert Roger zu. Mitleid. Das Letzte, was er jetzt braucht. 

„Ja, ja, alles klar.“ Solange ich nicht wieder aufstehen muss, denkt Roger. Und erinnert sich an heute Morgen, als er seine Beine über die Bettkante schwingen wollte und sie sich weigerten. Sie brüllten auf – ein Protestschrei malträtierter Muskeln. „Kein Wort“, hatte er zu Silvia gesagt. „Keinen Ton.“

Sie hat sich ein Lachen verklemmt, das muss er ihr lassen. Auch die Kinder waren aussergewöhnlich still beim Frühstück, die Köpfe über ihre Bildschirme gesenkt. Keiner lachte, als er steifbeinig in die Küche stakste. Keiner schaute auch nur auf. 

Roger ist gerade erst fünfzig geworden. Fünfzig ist doch kein Alter. Für einen Mann. Roger hat nie Sport getrieben, warum auch, er war immer von Natur aus dünn. Er isst drei Eier zum Frühstück und über Mittag das Menü Eins. Manchmal mit einer Stange. Aber in den letzten Jahren hat sich etwas verändert. Immer öfter isst er allein in der Kantine. Seine Kollegen bleiben am Pult, sie essen aus Glascontainern, die die Umwelt nicht belasten, grüne Blätter, die nicht ansetzen. Oder sie gehen joggen. Irgendwann hat Roger gemerkt, dass er allein ist. Nicht nur isst, sondern auch ist. Ausgeschlossen. Vor allem am Montag. Am Montag reden alle über Kilometer und Stunden und Höhenmeter und Minuten. Nicht nur die Kollegen, auch der Chef. Es dauerte Monate bis Roger begriff, was sie meinten. Und was er tun musste, um mitreden zu können.

„Klettern?“, fragt der Chauffeur.
„Mountainbiken.“

Silvia hatte zuerst protestiert, und Roger musste selber leer schlucken, als er herausfand, was ein gutes Bike kostet. Doch was sein muss, muss sein. „Es ist eine Investition“, hatte er sich trotzig verteidigt, „in meine Karriere.“ 

Wenn er aber an der Haltestelle in der Innenstadt nicht aufstehen und aussteigen kann, denkt er jetzt, dann war sie umsonst. 
 

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