Freizeit ist immer mehr Arbeit

Hauswart Lüthy notiert:

Eigenmann telefoniert

Von Thomas Meyer

 

„Guten Morgen, Herr Kohler!“, ruft Herr Eigenmann hellwach, als er mir die Tür öffnet. Ich hole bereits Luft, um ihm freundlich mitzuteilen, dass ich Lüthy heisse, nicht Kohler, doch er redet schon weiter: „Wegen der Sache in London...“ Da sehe ich, dass ein Bluetooth-Headset an Eigenmanns Ohr klemmt und er gar nicht zu mir spricht. Er nickt mir knapp zu und zeigt auf die Tür zum Bad, in dem sich die defekte Lüftung befindet, wie er mir gestern Abend mitgeteilt hat, vermutlich mit demselben Headset. Dann beginnt er, im Flur auf und ab zu tigern und sich über die „Sache in London“ auszulassen, an der offenbar ein gewisser Mister Lumley Schuld trägt – namentlich dessen, wie Eigenmann es ausdrückt, „schlampige Erreichbarkeit“.

Ich stelle meine mitgebrachte Trittleiter auf und mache mich an der Lüftung zu schaffen. Draussen geht Eigenmann näher auf das problematische Verhalten des Mister Lumley ein: Dieser wolle seine Mails nach 20 Uhr partout nicht mehr beantworten und erfreche sich zudem, sein Handy nach 22 Uhr abzustellen – und sonntags gar nicht erst einzuschalten! Darum ja jetzt auch diese Sache in London, wie Eigenmann folgert. Ich komme nicht ganz nach, aber irgendetwas wurde versäumt, und es trägt Kosten nach sich, anscheinend in ärgerlicher Höhe.

Ich baue den Propeller der Lüftung aus und dann den Elektromotor, der noch fauler ist als Mister Lumley. Eigenmann schweigt nun. Aus seinem Headset dringen leise und gefährlich wirkende Zisch- und Klicklaute; als bereite sich eine Schlange zum Angriff vor. Eigenmann wartet, bis sie geendet haben, und ruft dann: „Genau!“ und «So geht es einfach nicht!“ Es zischt und klickt erneut, und Eigenmann quittiert zackig und nicht ohne Häme: „Wird gemacht! Gleich nachher!“ Er verabschiedet sich.

„Herr Eigenmann, ich muss den Elektromotor auswechseln“, sage ich, und zeige ihm das fragliche Bauteil, dem von aussen keine Schwäche anzusehen ist. Das gilt bestimmt auch für Lumley; bestimmt trägt auch er, wie Eigenmann, einen teuren Massanzug und einen Jungpolitiker-Haarschnitt, und bestimmt schaut auch er schon um sieben Uhr morgens so entschlossen drein, als gelte es, ganze Kontinente zu fusionieren – wobei, halt: Lumley wird wohl erst so ab zehn Uhr so dreinschauen, und das ist ihm nun zum Verhängnis geworden, wie Eigenmanns triumphierender Miene zu entnehmen ist. Trug er sein Lüftungsanliegen gestern noch recht barsch vor, so ist er nun richtig milde gestimmt, er sagt: „Kein Problem, Herr... wie war Ihr Name bitte nochmals?“ „Lüthy.“ „Genau. Herr Lüthy. Jetzt sitzt’s!“ Er tippt sich mit dem Zeigefinger lustig an die Stirn. Ich imitiere die Geste, meine aber etwas ganz anderes. 

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